In Person

Eine eigene Handschrift, ein auffälliger Gestaltungswille, historische Errungenschaften oder völlig neue Blickwinkel: Mit Filmreihen oder Personalen würdigen wir entweder wichtige Institutionen oder jene VertreterInnen der kurzen filmischen Form, die dem internationalen Filmschaffen – sei es aktuell oder schon seit langer Zeit – mit herausragender Arbeit ihren Stempel aufdrücken bzw. aufgedrückt haben.

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences richtet nicht nur die jährliche Oscar®-Verleihung aus, sondern verfügt auch über ein umfangreiches Filmarchiv. Dort ist Mark Toscano für die Restaurierung des unabhängigen Films und der Avantgarde zuständig, die er in drei Programmen – gemeinsam mit dem Österreichischen Filmmuseum und der Slovenska kinoteka – in Wien präsentiert.

Ein Programm ist der Künstlerin Martha Colburn gewidmet, die mit ihren Collagen, Übermalungen und Essays politisch Stellung bezieht und zu einer der radikalsten und subversivsten Stimmen des zeitgenössischen Animationsfilms zählt. Ähnliche Zuschreibungen wurden auch für den vor 30 Jahren verstorbenen Ernst Schmidt jr. gewählt, der als Pionier in den 1960er- und 70er-Jahren ein pointiertes und umfassendes Werk hinterließ. Beide FilmemacherInnen werden im METRO Kinokulturhaus mit Personalen gewürdigt.

Neben Martha Colburn begrüßen wir als weitere Artists in Residence den portugiesischen Filmemacher Diogo Costa Amarante, der auch die diesjährigen Trailer gestaltet hat, Jacqueline Lentzou, die vorjährige Spotlight-Künstlerin, sowie die beiden Animationstalente Boris Labbé und – auf Einladung der ASIFA Austria – Nikita Diakur. (Daniel Ebner)

© Mark Toscano

Die Academy & die Avantgarde

Der 1976 in Hartford, Connecticut, geborene Mark Toscano ist Filmemacher, Kurator und Restaurator. Seit 2003 fungiert er im Archiv der Academy of Motion Picture Arts and Sciences als der Spezialist für die Restaurierung des unabhängigen und Avantgarde-Filmschaffens. In dieser Hollywood-Institu­tion, die sich primär für den industriellen Film stark macht und u.a. die jährliche Oscar®-Verleihung ausrichtet, nimmt Toscano eine Ausnahmerolle ein. Wie kaum ein anderer hat er für eine neue Sichtbarkeit des ameri­kanischen Avantgarde-Kinos gesorgt – als Restaurator der Werke von Stan Brakhage, Bruce Baillie oder Chick Strand wie auch als Kurator, der Filmprogramme leidenschaftlich und kenntnisreich vermittelt. In Wien geben drei Programme einen Einblick in die Tätig­keiten der Sammlung: eines zur kalifornischen Filmemacherin Chick Strand (1931–2009), die erstmals in verdichteter Form in Wien sichtbar wird, eines zum unabhängigen Animationsfilm und ein drittes zur West Coast Psychedelia, einem dominanten Strang der US-Avantgarde. (Alejandro Bachmann)

Die Academy & die Avantgarde präsentiert durchwegs analoge Filmkopien, bei den meisten davon handelt es sich um neue Restaurierungen.

In Anwesenheit von Mark Toscano.

© Martha Colburn

Martha Colburn

In den Filmen der 1971 in Gettysburg, USA, geborenen Martha Colburn pumpt der halsbrecherische Viervierteltakt des Punk. Unterschiedliche Strategien – Found Footage, Cut-Out-Collagen und Hand-Übermalungen – zeigen eine visuell dichte sowie durch und durch politische Handschrift.

Der analoge Filmstreifen wird von allen Seiten bearbeitet, die Figuren bewegen sich rasend und werden wie Insert-Cards ausgetauscht, übereinander gelegt, deformiert, neu interpretiert. Dabei arbeitet sich Colburn u.a. an der amerikanischen Identität und Geschichte sowie der Rolle der Medien, an Schönheitsidealen oder, mit bis zur Unkenntlichkeit zerkratztem pornografischen Material, dem Leben nach dem Tod ab.

In späteren Werken stößt die vielfach prämierte Künstlerin, deren jüngste Arbeit im New Yorker MoMA uraufgeführt wurde, in essayistische Strukturen vor. In all dem steht eine ruhelose Beobachterin, die ihre Kunst als Strategie zur inneren Katharsis versteht. Eine der radikalsten, originellsten und subversivsten Stimmen des zeitgenössischen experimentellen Animationsfilms. (Marius Hrdy/Daniel Ebner)

In Anwesenheit von Martha Colburn (Artist in Residence).

© Ernst Schmidt jr.

Ernst Schmidt jr.

Er hätte dieses Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert, vor 30 Jahren ist er allerdings bereits verstorben: Ernst Schmidt jr. war zeitlebens ein Unbeugsamer. Als Wegbegleiter u.a. von VALIE EXPORT, Peter Weibel und Kurt Kren war er Mitbegründer der Austrian Filmmakers Coop und einer der wesentlichen Protagonisten des Expanded Cinema der 1960er- und 70er-Jahre. Mit Hans Scheugl publizierte er 1974 das Grundlagenwerk Eine Subgeschichte des Films. Sein umfangreiches publizistisches und filmisches Œuvre – sein Katalog umfasst immerhin knapp 100 Arbeiten unterschiedlichster filmischer Zugänge – ist von Kritik am etablierten Kino und im eigenen Schaffen von Subversion gekennzeichnet, oftmals gepaart mit Ironie und feinem Humor.

Schmidt jr.s Werk umfasst abendfüllende Filmprojekte, aber auch eine Vielzahl an Miniaturen und kurzen radikalen filmischen „Statements“, die sowohl seine politische Haltung als auch sein Faible für die Collage zum Ausdruck bringen. (Gerald Weber)