© VIS, Sarah Gruber

15 JAHRE VIS VIENNA SHORTS: WE NEED TO DISAGREE

Halbrundes Jubiläum mit 301 Filmen, wachsendem Frauenanteil im Wettbewerb und der Oscar®-Academy zu Gast - MYNTH, Colburn, VR und Marathon als Highlights

Feierlich und in Anwesenheit zahlreicher prominenter Gäste und Filmschaffender wird am 29. Mai die 15. Ausgabe von VIS Vienna Shorts eröffnet. Und die halbrunde Jubiläumsausgabe verspricht eine besondere zu werden, würdigt sie doch auch zwei weitere Jubiläen: 50 Jahre nach 1968 erinnert der Fokus We Need To Disagree an Protestformen im Kino sowie die Wichtigkeit von politischer Auseinandersetzung. 100 Jahre nach der Republiksgründung untersucht die Ausstellung shaping democracy zudem das Selbstverständnis des Landes.

Insgesamt werden 301 aktuelle und historische Arbeiten unter 30 Minuten beim Festival zu sehen sein - darunter 109 Filme in den Wettbewerben. Besonders erfreulich, nicht zuletzt angesichts der internationalen Debatten um die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern in der Filmbranche und bei Festivals: Bei über 60 % der Filme in Fiction & Documentary haben Frauen Regie geführt. Und auch im Österreich Wettbewerb herrscht eine 50:50-Parität, die sich vergleichsweise in den heimischen Förderzusagen in dieser Form nicht widerspiegelt.

Unabhängig vom Wettbewerb zeigt VIS fast 200 weitere Filme in Personalen, kuratierten Programmen und Live-Performances. Als Spielstätten dienen das Gartenbaukino, das Filmmuseum, die Halle G, der frei_raum Q21 exhibition space im MuseumsQuartier und das METRO Kinokulturhaus, in dem u.a. das Festivalzentrum beheimatet ist. In der MUK.lounge der benachbarten Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien wird zudem an zwei Tagen erstmals der 360°-Film-Wettbewerb VR the World durchgeführt.

Für die sieben Festivaltage werden rund 100 Filmgäste in Wien erwartet sowie VertreterInnen wichtiger Institutionen wie der Europäischen Filmakademie und der Academy of Motion Picture Arts & Sciences. Auch zahlreiche internationale ProgrammerInnen und KuratorInnen, u.a. von der Berlinale, Cannes, Venedig, Rotterdam, Tribeca, Max Ophüls, Sarajevo, Torino, Winterthur, Zagreb & Glasgow, sind zu Gast. Inklusive der Ausstellung shaping democracy rechnet Österreichs größtes Festival für Kurzfilm, Animation und Musikvideo in diesem Jahr mit rund 20.000 BesucherInnen.

FILMMUSEUM: DIE ACADEMY & DIE AVANTGARDE

Die Academy of Motion Picture Arts & Sciences, die die Oscar®-Verleihung ausrichtet, wird beim Festival heuer eine besondere Rolle spielen: In Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum gastiert das Academy Film Archive mit restaurierten Filmen in drei Programmen unter dem Titel Die Academy & die Avantgarde in Wien - kuratiert und präsentiert von Mark Toscano (US), der die Arbeit des Archivs wie kein anderer kenntnisreich und leidenschaftlich zu vermitteln weiß.

Seit 2003 fungiert Toscano im Archiv der Academy als der Spezialist für die Restaurierung des unabhängigen Filmschaffens und sorgte dabei für eine neue Sichtbarkeit des ameri­kanischen Avantgarde-Kinos. In Wien geben drei Programme einen Einblick in die Tätig­keiten der Sammlung: eines zur kalifornischen Filmemacherin Chick Strand (1931-2009), deren Werk erstmals in verdichteter Form in Wien sichtbar wird, eines zum unabhängigen Animationsfilm und ein drittes zur West Coast Psychedelia, einem dominanten Strang der US-Avantgarde.

WE NEED TO DISAGREE & FAIR FESTIVAL WORK

In Großbritannien nahm das Brexit-Votum die europäische Anti-Solidaritätswelle vorweg. In Spanien führte die katalanische Unabhängig­keitsbewegung ein für illegal erklärtes Refer­endum durch. Und in Österreich bildeten die Konservativen erst vor wenigen Monaten eine Koalition mit einer rechtsnationalen Partei. Die Spaltungen im öffentlichen Diskurs sind in jedem dieser Länder stark ausgeprägt, weswegen das diesjährige Dreiecksprogramm zum Schwerpunktthema We Need To Disagree die Situation aus der Sicht von Festivals aus Glasgow, Barcelona und Wien beleuchtet.

Heute, 50 Jahre nach dem Ringen um eine liberalere Gesellschaft von 1968, scheinen wir unsere Standards und Werte an Populist­Innen und Filterblasen übergeben zu haben: Polarisierung statt Debatte, Parteinahme statt Engagement, Abschottung statt Kollaboration. Doch es bedarf der Diskussion und des konstruktiven Widerspruchs, wenn es um die Ausgestaltung der Gesellschaft, das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, von Individualität und Solidarität geht. Zuhören, nachdenken, argumentieren - und sich gleichzeitig der Aushöhlung wichtiger Errungenschaften widersetzen.

Einen historischen Blick auf das Jahr 1968 wirft Maike Mia Höhne, Kurzfilmchefin der Berlinale, mit ihrem Programm Heimat ist dort, wo ich etwas ändern möchte. Die sechs Filme umfassende Kompilation, u.a. mit Farbtest. Die Rote Fahne von Gerd Conradt und dem später als RAF-Mitglied bekannt gewordenen Holger Meins, bewegt sich zwischen radikalem Statement und experimentellem Protest auf der Leinwand. Das Programm schlägt auch einen schönen Bogen zum Spotlight on Ernst Schmidt jr., der in den 1960er- und 70er-Jahren einer der wesentlichen Protagonisten des Expanded Cinema in Österreich war. Sein Werk ist geprägt von Kritik am etablierten Kino und von Subversion und Ironie gekennzeichnet.

Ein öffentlicher Aufschrei ist beim Festival unterdessen auch abseits der Leinwand geplant: Das Panel Fair Festival Work Now nimmt sich mit der prekären Situation vieler FestivalarbeiterInnen im Kulturbereich (ohne Kollektivverträge und vielfach ohne soziale Absicherung) eines brennenden Themas an. Wie ist Festivalarbeit heute organisiert? Wie verhalten sich FördergeberInnen zu Fragen der Arbeitsbedingungen? Dies soll im Rahmen der VIS Academy, der festival- und filmpolitischen Gesprächsreihe des Festivals, diskutiert werden.

LIVE-PERFORMANCES, SPOTLIGHTS & FILMAUSSTELLUNG

Als eine "wilde Mischung aus Kinokunst und Partyrausch" umschrieb das profil das Festival - und eine solche Mischung findet sich vor allem in den Specials des Festivals: vom Marathon- Screening der besten Filme der nationalen Filmakademien weltweit (Goldene Nächte am Mittwoch, 30. Mai, von 13-24 Uhr bei freiem Eintritt) über die immersive Live-Performance FEED.X von Kurt Hentschläger in Kooperation mit den Wiener Festwochen bis hin zum Live-Konzert im Kinosaal, dieses Jahr mit dem Salzburger Elektronik-Duo MYNTH und Cinematic Parallels.

Ein zentrales Spotlight dieses Festivals widmet sich einer "unbeugsamen" Filmschaffenden: Die Künstlerin Martha Colburn (US/NL) gilt als eine der subversivsten und originellsten Stimmen im zeitgenössischen und politischen Animationsfilm, die sich nicht zuletzt der amerikanischen Geschichte und Identität nähert. Kein Bild bleibt bei ihr auf dem anderen, alles ist rauschhaft auf den Beat geschnitten, springt förmlich von der Leinwand. Colburn wird in Wien anwesend sein und ihre Personale persönlich begleiten.

Die Ausstellung shaping democracy wiederum ist ein partizipativer Rundgang durch die Geschichte der österreichischen Republik anhand ihrer wesentlichen Leitlinien und Paradoxien. Die Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung des Landes werden in der audiovisuellen Ausstellung ebenso aus zeitgenössischer Perspektive in Augenschein genommen wie das politische und kulturelle Selbstverständnis und das individuelle und kollektive Gedächtnis der Republik. Die MQ-Frühjahrsschau anlässlich des 100. Jahrestags der Republiksgründung ist noch bis 3. Juni im frei_raum Q21 exhibition space zu sehen.

Zum Download die Pressemappe mit allen Informationen zu VIS 2018:
Pressemappe_VIS-2018.pdf (426 Kb)