In Person

Eine eigene Handschrift, ein auffälliger Gestaltungswille, historische Errungenschaften oder völlig neue Blickwinkel: Mit Filmreihen oder Personalen würdigen wir entweder wichtige Institutionen oder jene Vertreter­Innen der kurzen filmischen Form, die dem internationalen Filmschaffen – sei es aktuell oder schon seit langer Zeit – mit herausragender Arbeit ihren Stempel aufdrücken bzw. aufgedrückt haben.

Mit dem deutschen Videokünstler Bjørn Melhus, der deutschen Dokumentaristin Alex Gerbaulet und der österreichischen Medienkünstlerin Anna Vasof stellen dieses Jahr gleich drei herausragende Filmemacher­Innen ihr couragiertes und vielfach ausgezeichnetes Werk persönlich im Österreichischen Filmmuseum vor.

Gerbaulet macht den Auftakt am Mittwoch mit vier dokumentarisch-essayistischen Arbeiten und starkem gesellschaftspolitischen Unterton. Am Donnerstag wird Vasof in einer Masterclass ihre ungewöhnliche „Non-Stop Stop-Motion“-Technik vorstellen, bevor am Abend Melhus – in Kooperation mit sixpackfilm – mit dem ersten Programm seiner Personale gastiert. Am Freitag und Samstag folgen die jeweils zweiten Teile der Personalen für Vasof und Melhus.

Als Artists-in-Residence begrüßen wir in diesem Jahr gleich fünf KünstlerInnen: María Molina Peiró, die im vergangenen Jahr im Wettbewerb Animation Avantgarde ausgezeichnet wurde und heuer sowohl als Jury-Gast als auch mit ihrem neuen Film im Programm Those We Love präsent sein wird; die beiden interdisziplinären Künstlerinnen Hanna Pajala-Assefa und Alla Kovgan; und das Regie-Paar Corina Schwingruber Ilic und Nikola Ilic, das mit All Inclusive in der Eröffnung läuft und auch für das diesjährige Festivalsujet verantwortlich zeichnet. (Daniel Ebner)

© Alex Gerbaulet

Alex Gerbaulet

Die Arbeit der deutschen Künstlerin, Filme­macherin und Kuratorin Alex Gerbaulet (*1977) bewegt sich zwischen Videokunst und Dokumentarfilm, zwischen aktivistischem Anstoß und fiktionalisierender Reflektion. In ihrer Untersuchung der Abbildbarkeit von Wirklichkeit und Erinnerung trägt sie konsequent Schicht um Schicht ab, um den Blick auf die Geschichte sowie persönlich und kollektiv Verdrängtes freizuschaufeln. Es ist in der Tat ein „Schaufeln“, ein aktives Nachgraben und Nachforschen, das in Kombination mit ihrer essayistischen Erzählhaltung die persönliche Dringlichkeit und politische Haltung spürbar macht. Gerbaulet studierte Philosophie, Medienwissenschaft und Freie Kunst in Braunschweig und Wien, war von 2012 bis 2014 Mitarbeiterin von Bjørn Melhus in Kassel und arbeitet seither als Produzentin bei pong film in Berlin. Die Form ihrer Filme ist im Lauf der Zeit strenger geworden, auch komplexer und rätselhafter. Bei VIS erhielt Gerbaulet 2016 den Elfi Dassanowsky Preis als beste Regisseurin. (Daniel Ebner)

In Anwesenheit von Alex Gerbaulet.

© Anna vasof

Anna Vasof

Die aberwitzigen Miniaturen der aus Griechenland stammenden und in Wien lebenden Architektin und Medienkünstlerin Anna Vasof (*1985) reißen mit ihrer Mischung aus Performance, Kunst und Expanded Cinema vergnügliche Löcher ins vertraute, alltägliche Regelwerk. Vasof bedient sich in ihrer Arbeit der grundlegenden Mechanismen des filmischen Apparats und entschlüsselt in ihren Experimenten dessen poetische Mechanik ebenso wie die Komplexität der menschlichen Wahrnehmung. Dem Prinzip des Stop-Motion-Verfahrens folgend, erzeugt sie mit ihren „Non-Stop Stop-Motion“-Arbeiten eine konstante Bewegungsillusion, basierend auf alltäglichen Objekten, sozialen Widersprüchlichkeiten und verblüffenden Einfällen. Die von ihr entwickelte Animationstechnik steht auch im Zentrum ihrer Dissertation an der Universität für angewandte Kunst sowie ihrer Masterclass bei VIS. Seit 2004 werden Vasofs in erstaunlicher Frequenz produzierten Kürzestfilme weltweit auf Festivals und im Kunstkontext gezeigt und vielfach prämiert. (Daniel Ebner)

In Anwesenheit von Anna Vasof.

© Bjørn Melhus

Bjørn Melhus

Die Arbeiten des deutschen Video- und Installa­tionskünstler Bjørn Melhus erhalten seit den frühen 1990er Jahren sowohl bei Filmfestivals als auch im Kunstkontext internationale Anerkennung. Melhus (*1966) war Teil der ersten Generation, die mit dem Massen-medium Fernsehen aufgewachsen ist. Er sagt von sich, dass ihn v.a. US-Filme und -Serien (wie Flipper und Lassie) geprägt haben und mit virtuellen Identifikationsfiguren konfrontierten. Die Spiegelung des eigenen Selbst in medial vermittelten Stereotypien und die spielerische Auseinandersetzung mit Genres, TV-Formaten und Populärkultur jeder Art sind die zentralen Merkmale seiner Kunst. Aus einem Sample von Dialogfragmenten, Musik und Geräuschen entwirft er seine Tonspuren, die die Narration vorgeben; sämtliche Figuren werden von ihm selbst verkörpert. Aber nicht nur die Kritik an der medialen Welt der Oberflächen und deren Einfluss auf Emotionen und Wünsche sind sein Thema, sondern auch die Kritik am Kapitalismus und anderen Heilsversprechen. (Brigitta Burger-Utzer)

In Anwesenheit von Bjørn Melhus.