28.5.–
2.6.2020

NOTES ON FILM: Cov...adis Cinema? Die Zukunft des Kinos mit & nach Corona

In Form von kurzen Texten, Kommentaren, Stellungnahmen oder persönlichen Einschätzungen beschreiben Vertreter*innen aus der Film- und Festivallandschaft, wie sie mit der gegenwärtigen Situation umgehen und wie ihre Wunsch-, Ideal- oder Angstvorstellungen in Zeiten von Corona aussehen. Analog-Film im digitalen Raum, der oft beschworene Tod des Kinos, der Entzug vom kollektiven Filmerlebnis – hier werden Erfahrungen geteilt, Überlegungen angestellt und (Zwischen-)Resümees gezogen.

Mit Texten von: Philipp Fleischmann, Barbara Fränzen, Jurij Meden, Martina Menegon, Marija Milovanovic & Wouter Jansen, Wiktoria Pelzer, Julian Ross und Neil Young.

In Kooperation mit Talking Shorts

Philipp Fleischmann

Filmkünstler

Liebe Zuschauerin, lieber Zuschauer,

Ich hoffe es geht Ihnen gut und Sie genießen das Festival. Ich würde Ihnen liebend gerne meinen 35-mm-Film Austrian Pavilion zeigen. Es würde mich interessieren, was Sie davon halten. Aber ich kann es nicht. Ein großer Teil unseres sozialen Lebens findet noch unter strengen Richtlinien statt. Kultur kann nicht in gewohnter Weise erlebt werden. Kinos dürfen noch nicht öffnen. Wir dürfen uns nicht als temporäres Kollektiv versammeln. Unsere Körper sollen einfach nicht aufeinandertreffen. Was tun?

Wie viele andere Filmfestivals hat auch Vienna Shorts sich entschieden, den Gang zu wechseln und als digitales Streamingevent aufzutreten. Damit zumindest etwas passiert. Damit Kunst gezeigt und gesehen werden kann. Damit Filme geschaut und diskutiert werden können. Das ergibt schon Sinn. Zugleich aber ergibt es keinen Sinn, wenn es um Analogfilme geht. Und es ergibt auch keinen Sinn, wenn es um Werke geht, die ein Live-Publikum brauchen.

Meine Filme können nur durch das Medium Analogfilm existieren und denken. Mein gesamter Prozess des Filmemachens beginnt mit der Materialität des Zelluloidfilmstreifens. Deswegen entschied ich mich bereits ganz zu Beginn dafür, meine Filme ausschließlich analog vorzuführen. Ich bin mir sicher, dass dies die einzige Art ist, diese Kunstwerke sprechen, sich artikulieren, ihre Anliegen vorbringen zu lassen. Aber was nun? Ist nicht jetzt die Zeit zu reagieren und sich anzupassen? Ist nicht jetzt die Zeit gekommen, online zu streamen?

Irgendwie möchte ich das einfach nicht: Ich möchte meine aus mehr als einem Jahrzehnt des Kunstschaffens gewachsenen Überzeugungen nicht einfach ändern. Nicht einfach eine „Ausnahme“ machen, immer und immer wieder, und sie mit einigen Worten und guten Absichten rechtfertigen. Meinen Beitrag leisten zum groß angelegten Bestreben, Kultur von persönlichen und materiellen Begegnungen wegzubefördern. Nein. Ich stimme nicht zu. Ich möchte lieber nicht.

Jedoch macht sich das seltsame Gefühl breit, ich müsse mich entschuldigen. Bei Ihnen, liebe Zuschauerin, lieber Zuschauer, weil ich meine Arbeit nicht online teile. Bei Ihnen, liebes Festival, weil ich anderer Ansicht bin. Bei Ihnen, lieber digitaler Raum, weil ich Sie nicht wirklich leiden kann. Andererseits, wieso sollte ich?

Austrian Pavilion ist der jüngste und letzte Teil meiner analogen Filmreihe über fünf österreichische Ausstellungsorte. All diese Filme sind Independentprojekte. Unabhängig zu arbeiten kann verschiedenes bedeuten. Aktuell wird ein Aspekt jedoch wieder entscheidend: Wenn man im Filmbusiness nicht um Geld spielt und keinen Vertrieb hat, kann man für sich selbst Entscheidungen treffen. Ich habe mich einfach dazu entschlossen, zu warten. Auf die nächste Gelegenheit, sich wieder in Gruppen zu treffen. Um Ihnen Austrian Pavilion im Kino zu zeigen.

Deshalb habe ich für die Vienna Shorts etwas Neues gemacht: einen digitalen Audiokommentar zu Austrian Pavilion; nennen wir ihn einen Bonustrack. Ich hoffe, er macht Ihnen Spaß.

Danke und bis bald, vorzugsweise im Kino.

Philipp
Wien, Mai 2020

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Hier im Festival Hub:
Austrian Pavilion, digitaler Audiokommentar, im Animation Avantgarde Wettbewerbsprogramm Inside & Outside

Barbara Fränzen

Förderstelle

Diese in jeder Hinsicht existenzielle Krise lässt deutlicher erkennen, was zuvor im Ansatz schon zu spüren war: Im Filmbereich ist es primär die Verschärfung der prekären Arbeits- und Lebenssituation der Künstler*innen – die Verlagerung in den digitalen Raum hat wegen der hier schon bisher fehlenden angemessenen Vergütung keinerlei Einnahmenausfälle kompensieren können. Streaming-Technologien haben uns teilweise über die Krise gerettet und für Filme, deren Kinostart ausfallen musste, oder für Festivals in dieser Zeit Präsenz ermöglicht, in veränderter Form und mit interessanten kreativen Lösungen, die auch nach der Krisenzeit weiterbestehen sollten. Wofür wir eintreten müssen, ist eine faire Bezahlung für die digitale Verbreitung von Werken.

Noch deutlicher wurde die allmähliche Verdrängung des Analogen, nicht nur bei Verbreitung und Rezeption, sondern auch im Filmschaffen. Es geht daher vor allem um die Differenzierung und um die Möglichkeit zu wählen: für Filmschaffende beginnt dies schon in der Produktion mit der Wahl der künstlerischen Mittel – es wäre nicht vertretbar, wenn aus technischen Gründen nur noch digital produziert werden könnte – für das Publikum geht es um die Wahl, wie es einen Film sehen möchte.

Als Förderinstitution treten wir für die größtmögliche künstlerische Freiheit ein, die wir gegenüber den Zwängen des Marktes verteidigen müssen. Und nicht zuletzt: Das Erlebnis Kino lässt sich durch Streaming-Plattformen nicht ersetzen. Ein intensives und konzentriertes Erlebnis, das wir mit anderen Menschen teilen können. Deshalb ist es Aufgabe der Förderung, das Kino als Ort mit einem vielfältigen Filmangebot zu erhalten. Nicht als Kulturangebot für einen elitären Kreis mit elitärem Programm – wie das gerne als Zukunft des Kinos dargestellt wird – sondern als lebendiger Treffpunkt für Austausch, Diskussion vor allem auch für junges Publikum. Das fehlt uns ja gerade jetzt – die soziale Begegnung. Um attraktiv und unternehmerisch agil zu bleiben, sollten auch Kinos das Potenzial digitaler Technik stärker nützen, etwa bei Öffentlichkeitsarbeit und Marketing.

Nach COVID-19 wird unser früheres Leben nicht wieder zurückkehren. Aber genau deshalb gibt es die Chance auf neue Konzepte, andere Wege, die wir nach den Erfahrungen der letzten Monate gehen können. Diese Chance müssen wir ergreifen.

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Barbara Fränzen
Mai, 2020

Jurij Meden

Filmhistoriker

Es brauchte nur wenige Tage an sozialen Distanzierungsmaßnahmen aufgrund der derzeitigen weltweiten Pandemie, bis viele Filmproduktionsfirmen, Verleihe und Spielstätten – also sowohl Geschäfts- als auch Kulturbetriebe – sich als Streamingplattformen neu erfanden und so das herkömmliche – und zurzeit verbotene – Konzept der öffentlichen Vorführung als primäre Präsentationsweise umgingen. Wie rasch und leicht diese Umgestaltung vonstatten ging, zeigte, dass die Coronaviruskrise den bereits weit verbreiteten und wachsenden Trend des Bewegtbildkonsums lediglich beschleunigte – ein Trend, der seit über zwei Jahrzehnten die Kinosäle weltweit leert. Präziser formuliert: Die Krise hat diesen Trend des home viewing nicht nur beschleunigt, sie hat ihn als einzig legale Option zum Alleinherrscher erklärt.

In dieser Situation sollte jedes respektable Filmmuseum der Welt bereits erkannt haben, dass sein Sinn und Zweck weit über das Kuratieren von Filmen im Hinblick auf das aktive, selektive Sammeln, Konservieren, Dokumentieren und Vorführen von Filmen und weit über das Insistieren auf sorgfältig kuratierte Filmprogramme sowie das Zeigen von Filmen im Originalformat hinausgeht.

In dieser Situation sollte jedes respektable Filmmuseum realisiert haben, dass seine Hauptmission schon immer auch die Publikumspflege war. Das Publikum sollte in diesem Kontext nicht als Statistik betrachtet werden, als amorphe Konsument*innenmasse, der eingebläut wird, dass jeder einzelne Mensch die*der Kurator*in ihres*seines vermeintlich einzigartigen Streamingverhaltens ist. Stattdessen wollen wir Publikumspflege als die Erhaltung einer tatsächlichen, physischen Ansammlung von Menschen verstanden wissen, die sich einfindet, um die unverzichtbare Idee eines tatsächlichen, physischen Orts zu feiern – um an einem Akt des Widerstands, an einer Nachstellung des Rituals des Museumsbesuchs teilzunehmen und auf die Idee einer öffentlichen Filmvorstellung mit der öffentlichen Kundgebung menschlicher Neugier und gegenseitigen Respekts zu reagieren.

Nur durch die Aufrechterhaltung des Gedankens eines Filmmuseums als öffentlicher Raum kann ein solches wiederum die Vorstellung des Publikums als aktives Wesen und daher die Freiheit, Kino in verschiedenen Formen zu erleben, aufrechterhalten.

Jean-Paul Sartre lieferte eine berühmte Definition von Freiheit als nichts als das Vorhandensein unseres Willens. Er fügte hinzu, dass es in Wirklichkeit nicht genüge zu wollen: man müsse wollen wollen. Es ist wohl nicht allzu weit hergeholt, sich die sartresche Distanz zwischen „wollen“ und „wollen wollen“ als perfekte Veranschaulichung der Distanz zwischen dem halbbewussten „Als-nächstes-Schauen“ und dem geplanten Weg zur örtlichen Kinothek vorzustellen. Falls es die örtliche Kinothek – also die Freiheit – nach der Krise noch gibt.

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Jurij Meden
Mai, 2020

Dieser Text erschien zuerst als Blogeintrag des Österreichischen Filmmuseums.

Martina Menegon

Medienkünstlerin

Ich hatte mir eingebildet, dass die Covid-19-Pandemie und die Ausgangssperren auf mein Leben als Lehrerin und Künstlerin keinen Einfluss haben würde, da ich sowohl künstlerisch als auch lehrend im Bereich der virtuellen Kunst(erlebnisse) tätig bin. Weit gefehlt. Vor den Ausgangssperren bereitete ich mich darauf vor, Motion-Capture für VR in meiner Klasse am Institut für Transmediale Kunst der Universität für angewandte Kunst Wien zu unterrichten. Gleichzeitig setzte ich meine Arbeit an meinem neuen VR-Erlebnis für Einzelnutzer*innen, when you are close to me I shiver, fort, das sich mit der Stellung des Menschen in einer Welt der ökologischen und daher sozialen Krisen beschäftigt. Ich bereitete mich zudem auf die bevorstehende Gruppenausstellung beim Laval-Festival und einige andere Events vor.

Als sich die Pandemie und die Ausgangssperren zu verbreiten begannen, wurden einige der Ausstellungen, an denen ich teilnehmen sollte, abgesagt oder verschoben, andere verlagerten sich in den virtuellen Raum, was bedeutete, dass meine Arbeiten dort nicht nur gezeigt werden konnten, sondern sogar besser aufgehoben waren, da es sich um digitale Werke handelte und sie ohnehin für den virtuellen Raum geschaffen wurden. Plötzlich erhielt ich auch mehr Anfragen für Künstler*innengespräche und Walkthroughs meiner Arbeiten, vermutlich zum Teil, weil diese Dinge leichter (und ich wage zu vermuten billiger) über Zoom zu organisieren sind. Auch wurde jenen Künstler*innen mehr Aufmerksamkeit geschenkt, die schon lange vor Covid-19 mit virtuellen Medien und an der Beziehung zwischen dem Ich und den physischen und virtuellen Realitäten arbeiteten.

So weit, so gut, nicht wahr? Ich arbeite für gewöhnlich mit Tools, die für viele von zuhause aus nicht zugänglich sind. Ich arbeite mit Apparaten, die wir nach der Covid-19-Krise in der Öffentlichkeit nicht so schnell verwenden wollen werden. Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, mich in nächster Zeit beim Aufsetzen eines vorher getragenen VR-Headsets sicher zu fühlen, desinfiziert oder nicht. Ich habe in den vergangenen Wochen gemerkt, dass ich mich nicht dazu bringen konnte, an meinem VR-Einzelnutzer-Erlebnis zu arbeiten oder VR zu unterrichten, zumal auch die immer noch recht teuren Apparate, die für meinen Kurs benötigt werden, für meine Student*innen nicht verfügbar waren. Mich frustrierte, dass das Medium, das viele als das beste Mittel zur Realitätsflucht aus der jetzigen Situation feierten, sich für mich als Künstlerin und Lehrerin nun als so problematisch entpuppte. Ich brauchte eine Plattform für virtuelles Erleben, die gratis, leicht zu bedienen und von allen Geräten aus zugänglich war. Daher freute ich mich sehr, als ich durch einen Twitterpost von Matthew D. Gantt von Mozilla Hubs erfuhr. Seit März beschäftige ich mich wie besessen damit. Nicht nur, weil ich es meinen Student*innen beibringe (die damit fantastische Arbeiten liefern!), ich verwende es auch für meine eigene Kunst.

Es bietet das, was VR meines Erachtens gerade braucht: Zugänglichkeit, Interaktion und Community. Ich will es auch in Zukunft verwenden, da es sich nicht wie ein temporäres Pflaster anfühlt: Sein Potenzial ist größer. Wenn nicht Mozilla Hubs, dann wird es eine andere Plattform sein, ein anderes Tool mit demselben Potenzial. Natürlich sehnen wir uns alle wieder nach physischen Zusammenkünften, und wir werden auch wieder physische Ausstellungen und Gatherings besuchen, sobald die Ausgangssperren aufgehoben sind. Aber die Rückkehr zur (neuen) physischen Normalität sollte die virtuelle(n) Normalität(en) nicht außer Acht lassen. Ich denke, physische (örtliche) Kunstcommunities können und sollen über digitale Kanäle und virtuelle (internationale) Communities miteinander verbunden bleiben. Was mich betrifft, werde ich an den virtuellen Erlebnissen, die einen Gemeinschaftssinn schaffen, online weiterarbeiten, während ich zugleich versuchen werde, physische und virtuelle Realitäten zusammenzuhalten und ihren Gedankenaustausch aufrecht zu erhalten. Und ich werde wohl nicht die Einzige in meinem Bereich sein, die diesen Weg einschlägt.

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Martina Menegon
Mai, 2020

Marija Milovanovic & Wouter Jansen

Verleih

Die Absage des SXSW-Festivals war wohl der erste Moment, als uns bewusst wurde, dass Covid-19 große Auswirkungen auf unsere Arbeit, den Festivalvertrieb von Kurzfilmen, haben würde. Innerhalb kürzester Zeit mussten viele Festivals ihre bevorstehenden Ausgaben absagen oder einen Weg finden, ihr Programm online zu stellen. Weil alles so schnell passierte, wurden Vorführkonditionen improvisiert, und zwar von jedem Festival unterschiedlich. Von uns allen wurde Flexibilität erwartet, da die Filmindustrie in dieser Situation ebenfalls Nachsicht walten lassen würde. So wurde uns zumindest immer gesagt.

Was wir in den zwei Monaten der verstärkten Verlagerung ins Internet mitbekommen haben, ist, dass in puncto Kurzfilm hauptsächlich die Festivals das Sagen haben. Filmemacher*innen stimmen neuen Vorführkonditionen zu und vertrauen dem Urteil der Festivals, ohne zu wissen, welche Auswirkungen dies für den restlichen Entwicklungsverlauf ihres Films hat. Manchmal haben sie nicht einmal die Wahl, sie müssen den neuen Konditionen zustimmen, sonst wird ihr Film vom Wettbewerb ausgeschlossen, obwohl er dafür bereits ausgewählt wurde. Als Verleihe sind wir bisher in wenige Diskussionen mit Festivals über bestmögliche Bedingungen eingebunden worden. So weit wir wissen, gilt dasselbe für Filmagenturen. Es ist ein beunruhigendes Gefühl. Wir hoffen, dass ein Festival stets versucht, im Sinne der Filmemacher*innen und ihrer Interessen zu agieren.

Uns ist klar, dass eine kommerzielle Verwertung für die meisten Kurzfilme keine Selbstverständlichkeit ist. Nicht umsonst machen sich viele Festivals dafür stark, Talente zu entdecken und zu fördern. Daher sind wir der Meinung, dass es jetzt umso wichtiger ist, diesen Talenten als Plattform zu dienen. Gerade jetzt, wo alle Aspekte der Filmindustrie einem Wandel unterzogen sind, müssen wir neue Standards formulieren, an die wir uns alle zu halten haben, Standards, die weder die Chancen eines Films noch die Karriere der Filmemacher*innen gefährden. Und wir müssen unsere Rolle als Verkuppler*innen zwischen Filmemacher*innen und Filmindustrie beibehalten, denn dieser Faktor scheint völlig von der Bildfläche verschwunden zu sein. Obwohl das soziale Element eines Festivals immer schon sehr wichtig war, ist heutzutage sogar eine einfache Gästeliste zur Seltenheit geworden.

Angesichts dessen, dass Online-Festivals in den nächsten Monaten die Norm sein werden, scheint es wichtig, Richtlinien zu erstellen, die Festivals dann befolgen und Filmemacher*innen eine Stütze bieten. Festivals sollten beginnen zu kommunizieren, was für den Fall, dass ihre Ausgabe nicht physisch stattfindet, vorgesehen ist und welchen Bedingungen Filmemacher*innen zustimmen werden müssen, sodass Letztere beim Einreichen ein bisschen mehr Sicherheit haben beziehungsweise wissen, was sie erwartet. Andere Branchenakteure müssen in diese Diskussionen eingebunden sein, damit wir sicherstellen können, dass unsere kurzfristigen Entscheidungen sich auch langfristig zugunsten der Filmemacher*innen auswirken.

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Marija Milovanovic & Wouter Jansen
Mai, 2020

WIKTORIA PELZER

Kinobetreiberin/Kuratorin

Ich bin Optimistin – und große Kinoenthusiastin. Für mich war die Schließung der Kinos ein Schock. Unvorstellbar und schwer zu akzeptieren. In den letzten Wochen wünsche ich mir einerseits nichts mehr als unser Kino in Betrieb, den Projektor laufen zu sehen. In meinem Kopf brodeln die Ideen, die Diskussionen, die man veranstalten könnte, die Gäste, die man dazu gerne einladen würde, und die Menschen, mit denen man sich danach über den Film austauscht und dabei neue Erkenntnisse gewinnt. Andererseits werfen die letzten Wochen auch viele Fragen auf: Ist eigentlich das Tempo, in dem wir als Kulturbetrieb arbeiten, zu hoch? Machen wir zu viel? Die ersten Wochen der Quarantäne spiegelten diese Zerrissenheit gut wider: Einerseits ist alles abgesagt, andererseits steht das „Substitut“ Online-Streaming gleich auf der Matte. Und das in ähnlicher überfordernder Intensität wie vorher die analogen Veranstaltungen. Ist diese Vollbremsung vielleicht doch auch ein (unfreiwilliger) Moment, darüber nachdenken zu können?

Das Kino, das wir machen wollen, ist ein politischer Raum, der die Arbeiten von KünstlerInnen ins Zentrum stellt und eine Haltung einnimmt. Der Ort selbst: ein Erfahrungsraum und ein Raum, in dem man gemeinsam und gleichzeitig allein sein kann. Ich glaube nicht an den Tod des Kinos, auch wenn das Kino schon seit einigen Jahren in einem Umbruch steckt – der nicht durch stures „Weitermachen wie zuvor“ weggehen wird. Aber die letzten Wochen ohne Kino verdeutlichen auch, dass die Menschen sich nach dem Zusammenkommen, dem Ritual, dem gemeinsamen Erlebnis sehnen. Wie singt die Band Stereo Total so passend: „Wie soll ich mich nach dir sehnen, wenn du immer bei mir bist?“

Die Verlagerung des „Contents“ in den virtuellen Raum bedeutet für mich nach kurzer Zeit: Der Input ist da, aber das Erlebnis fehlt. Das Bedürfnis nach Kino zeichnet sich allein schon im skurrilen Wiederaufblühen der Autokinos ab. Das Kinoerlebnis lässt sich nicht substituieren. Müssen wir das nur besser kommunizieren? Amazon kauft nun die größte globale Kinokette AMC, schlimmstenfalls ist es eine Vereinnahmung – bestenfalls ein Eingeständnis, dass sie doch nicht ohne das Kino auskommen.

Die aktuelle Krise wird sicherlich einige Existenzen kosten, und wir werden an Vielfalt verlieren. Aber ich bin zuversichtlich, dass das Live-Erlebnis Kino wieder neue Bedeutung bekommt und auch die Wertschätzung gegenüber der Kuratierung, Kontextualisierung und Vermittlung wieder neu aufblühen kann. Vielleicht führt diese Extremsituation auch dazu, dass das Kino und die Online-Welt ein bisschen besser koexistieren können, weil klarer geworden ist, was sie unterscheidet.

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Wiktoria Pelzer
Mai, 2020

Julian Ross

Programmer/Autor

Ich erinnere mich an den Moment, als mir das Ausmaß der Krise richtig „einschoss“: Ich war gerade für ein Filmfestival ins kolumbianische Cartagena gereist, checkte an der Hotelrezeption ein, füllte ein paar Formulare aus und ging schlafen. Am nächsten Morgen trugen die Rezeptionist*innen vom Vorabend Masken und Handschuhe, und Putzkräfte in Spezialkleidung reinigten gründlich die Lobby. Innerhalb weniger Stunden hatte sich viel geändert. „Wie im Film“, meinte Arie Esiri, Koregisseur von Eyimofe (This is My Desire), als ich ihm die Szene schilderte.

Was für mich die Situation so gespenstisch erscheinen ließ: Das Virus war nirgendwo zu sehen! Natürlich ist SARS-CoV-2 für den Menschen unsichtbar. Das Ganze erinnert mich an meinen Kurzaufenthalt in meiner Heimatstadt Tokio ein Jahr nach dem Erdbeben und Tsunami in Tohoku 2011, wo die Angst vor der Strahlung fast greifbar gewesen war, obwohl alles so ausgesehen hatte wie vorher. Viele Filmschaffende hatten mit dieser Vorstellung gerungen: etwas nicht Sichtbares darzustellen. Die meisten filmten daher vom Tsunami zerstörte Dörfer, im Unvermögen, eine angemessene audiovisuelle Sprache für die Furcht vor dem Unsichtbaren, der Angst vor einer unbestimmten Zukunft zu finden.

In einer Krise wie dieser sehnen wir uns nach vergangenen Zeiten und sind leicht abgelenkt. In Japan haben wir die Wiederkehr des konservativen Premiers Shinzo Abe und die Ablenkung durch die Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo miterlebt. Wie ich feststelle, macht unsere Filmindustrie soeben dasselbe: Wir versuchen hastig, zur „Normalität“ zurückzukehren und lenken uns mit einem endlosen Strom an Inhalten auf Streamingportalen ab. Wie beim Beispiel Japan fürchte ich, dass in unserem kurzsichtigen Bestreben, die Filmindustrie wieder in alter Pracht erglänzen zu lassen, all jene Probleme in Vergessenheit geraten, die gerade erst begonnen hatten, ans Licht zu kommen. Strukturelle Probleme mögen zwar unsichtbar erscheinen, sind aber allgegenwärtig – und wie dieser Virus richten sie großen Schaden an.

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Julian Ross
Mai, 2020

Neil Young

Programmer/Filmkritiker

ERSTE LIEBE … LETZTE ÖLUNG?

Das Leben kriegt dich schnell. Der Tod auch. Am 16. März, als der Ausgangssperren-und-räumliche-Distanzierungsalltag als weltweites Phänomen noch in den Kinderschuhen steckte, wurde das Kino kurzerhand für tot erklärt.

Über einer sepiafarbenen Abbildung eines überfüllten alten Lichtspielhauses schrieb damals Peter Labuza (alias @labuzamovies), eines der schreihalsigeren Mitglieder einer nebulösen, als „Filmtwitter“ bekannten weltweiten Community: „1895–2020, durch Kapitalismus + technologische Innovation geboren, durch Kapitalismus + technologische Innovation beendet.” Der provokante Tweet schlug ein wie erwünscht: nach jüngsten Zahlen 10 Retweets und 147 Likes!

Was hat es mit Typen namens Peter auf sich, die selbstsicher den Tod des Kinos verkünden? In einer Vorlesung in Utrecht im September 2003 präzisierte der walisische Filmemacher Peter (The Belly of an Architect) Greenaway: „Das Kino starb am 31. September [sic] 1982, als die Fernbedienung in die Wohnzimmer der Welt Einzug fand.“

Der sich rapide verschlechternde Gesundheitszustand von Greenaways Schaffen nach 2003 sei mal außen vor gelassen, denn hier gilt es, Größeres zu beachten: Das Kino ist seit Anbeginn ein „Auslaufmodell“, „eine Erfindung ohne Zukunft“ – so formulierte es (allerdings nur angeblich) niemand anderer als sein Miterfinder Louis Lumière ... bereits 1895.

Tonfilme, Farbe, Fernsehen, VHS, DVD, MCU, Fernbedienungen, Heimkino, Boxsets, Digital, iPhones, Lav Diaz … Das Coronavirus ist nur der jüngste in einer langen Reihe gefürchteter Kinokiller. Zurzeit gibt es Gründe zu vorsichtigem Optimismus, obgleich an ungewohnten Orten.

Etwa auf dem Feld hinter dem Tschecherl „Biker-Treff Vogel“ im nordrheinwestfälischen Marl, das seit Anfang April Schauplatz eines Autokinos mit einer knapp 60 Quadratmeter großen LED-Leinwand ist. Wie The Hollywood Reporter berichtete, war das – doch relativ bizarre – Double Feature der Eröffnungsnacht, Der König der Löwen und Parasite, „innerhalb weniger Stunden ausverkauft“.

Der Verlust für Flugreisegesellschaften könnte einen Gewinn für das Kino darstellen: unter den in letzter Zeit florierenden Autokinos auch das Hauptvorfeld des Flughafens Vilnius, mit regelmäßigen, vom internationalen Filmfestival der Stadt organisierten Vorführungen. Der bombensichere Eröffnungsknaller: Parasite!

Wie so oft vor der „letzten Ölung“ hört man auch hier ein lautes Klopfen aus dem Sarginneren, und das Kino entsteigt lugosihaft, unzerstörbar, unsterblich, vielleicht war es von Anfang an ein Irrglaube, dass – flüstern wir es gemeinsam! – es lebt.

Ein Ding aus flüchtigen Schatten, deren ursprüngliches Medium Zelluloid unter anderem aus mikroskopischen Kriechtierfragmenten zusammengepanscht wurde. Das letzte Wort erteilen wir daher dem geschätzten Kritiker Nick Pinkerton (@nickpinkerton), dessen „gepinnter Tweet“ in pflichtbewusster Huldigung an die Dracula-Persiflage von Mel Brooks aus dem Jahr 1995 verkündet: “Cinema: Dead and Loving It.” 43 Retweets, 270 Likes.

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Neil Young
1. Mai, 2020