Parallax
Österreich/Norwegen 2009, 5 min, DigiBeta
Regie/Drehbuch/Kamera/Schnitt: Inger Lise Hansen | Produktion: OK Center for Contemporary Art Linz | Assistenz: Hilde Malme
Review

von Christian Bauer
Parallax ist der zweite Film einer Trilogie, die sich mit dem Wahrnehmungsphänomen bei Perspektivenänderung und animierter Kamerabewegung beschäftigt. Die Filmemacherin Inger Lise Hansen nimmt dabei reale Plätze mittels Stop-Motion-Kamerafahrten auf, bei denen die Kamera um 180 Grad gedreht ist, das Bild somit "am Kopf steht". Entstanden ist der Film der norwegischen Filmemacherin während ihrer Artist-in-Residence-Zeit in Linz. Gedreht wurde mittels der vorher beschriebenen Methode am Dach eines Einkaufszentrums in der oberösterreichischen Landeshauptstadt.
Durch die beiden Techniken Stop-Motion und gedrehte Kamera werden die Dimensionen Raum und Zeit verschoben und nach einer gewissen Rezeptionszeit regelrecht außer Kraft gesetzt. Ist es zu Beginn des Films für den Zuschauer noch einfach die gedrehte Perspektive innerhalb des normalen haptischen Verständnisses einzubauen, so wird durch die andauernde und gleich bleibende verkehrte Sicht das Auge praktisch dazu gezwungen, die gezeigten Bilder als Neuartiges anzuerkennen. Hierbei hilft zusätzlich das angesprochene Stop-Motion-Verfahren, da sich die beweglichen Objekte in der Szene, sprich die Wolken, während einer sehr langsamen Kamerafahrt wie im Zeitraffer bewegen.
Als Hauptdarsteller fungieren aber eben jene Rohre und Metallkonstruktionen, die auf dem Dach des Hauses installiert sind. Die Fahrt rund um dieses fast schon mathematisch geometrische System gibt dem Zuseher Blicke auf lange Gänge frei, die kurz darauf wieder im Ganzen verschwinden und neue Formen bilden. Dies wird untermalt durch die zu Beginn verstörende dumpfe Soundkulisse, die aber, wenn man sich auf die Bilder einlässt, den Eindruck einer neuen Welt zusätzlich verstärkt.
Gegen Ende des Films, der Zuseher hat sozusagen eine Wirklichkeit konstruiert, in der die gezeigten Bilder existieren können, wendet Hansen noch einmal einen Filmtrick an. Sie lässt Schnee fallen. Dies geschieht jedoch wiederum in einer anderen Raum/Zeit-Dimension. Zeitlich, da der Schnee nicht wie die Wolken in Zeitraffer fällt, sondern in der uns bekannten Geschwindigkeit. Räumlich, da er zuerst vollkommen wider der Erwartung von oben nach unten fällt, gleich danach aber auch von unten nach oben, was zwar die logische Richtung wäre, durch die vorangegangene Umkehr jedoch nicht mehr ist.
Aus meiner Sicht wird somit in diesen viereinhalb Minuten mit sehr einfachen Mitteln das komplexe Wesen der menschlichen Wirklichkeitskonstruktion gezeigt. Und das war sehr beeindruckend.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung Filmanalyse: Geschichte und Techniken des Animationfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2010 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen beim Autor.
