Logorama
Frankreich 2009, 16 min, 35 mm
Regie/Drehbuch: H5 (François Alaux, Hervé de Crécy, Ludovic Houplain) | Produktionsleitung: Nicolas Schmerkin | Produktion: Stéphane Kooshmanian (Addict), Maurice Prost (Mikros), Nicolas Schmerkin (Autour de Minuit) | Ko-Produktion: Sandrine Demonte | Schnitt: Sam Danesi, Stephen Berger | Musik: Human Worldwide
Review

von Benjamin Furtlehner
Die Michelin‐Männchen sind Polizisten, Ronald McDonald der Bösewicht, das Esso‐Girl eine Lebensretterin und alle anderen Marken der Welt die Nebenrollen. Das ist die zuckerlbunte Welt von Logorama, in der Firmen‐ und Produktlogos das Sagen haben und mit ihrem Handeln diese dem Erdboden gleich machen. Viel bleibt nach einer heftigen Verfolgungsjagd zwischen den Guten und den Bösen nicht übrig. Ein Erdbeben gibt der Welt den Rest, die Kunstwelt bricht zusammen und versinkt im Erdöl, das fortan aus allen Ritzen und Spalten sprudelt. Eine kleine Insel, auf der sich das Esso‐Girl und ein kleiner Junge befinden, bleibt. Sie beißt in einen Apfel und das Bild zoomt heraus, bis man nur mehr Sternchen und Planeten im tiefschwarzen Weltall herumschwirren sieht – selbstverständlich in Form von unzähligen Bildmarken. Die Welt, wie sie einmal war, ist verschwunden.
Dabei beginnt alles so wunderschön: „Good Morning Life“ von Dean Martin erklingt zu den eindrucksvollen Establishing Shots. Es ist ein gigantisches Zusammenspiel von Kunst und Kommerz, das eine einzigartige Komposition auf der Leinwand erzeugt. Nachdem man die schrille und durchaus simple 3D‐Animationstechnik registriert hat, wird man etwas zögerlich in eine ebenso einfache Handlung eingeführt. Die tausenden Details, quasi kleine Gags, scheinen die eigentliche Handlung ohnehin unnütz zu machen. Diese besteht ohnehin nur aus der dämlichen Jagd zwischen Ronald und den Michelin‐Männchen. Und einem Erdbeben, das tiefe Gräben in die bunte Landschaft schlägt und alles in sich verschluckt, bis letztendlich das Erdöl aus allen Ritzen sprudelt.
Dabei deutet alles auf Kommerz hin, soweit man auf der Bildfläche blicken kann. Die banale Handlung kommt jedem bekannt vor, entspricht den typischen Hollywood‐Blockbustern und unweit von der Filmmetropole spielt die Geschichte auch, in Malibu. Sie ist sicherlich kein Fehler, sondern ein deutliches Stilelement, denn somit bewegt sich die Story auf exakt der selben Wellenlänge wie die Industrie. Die bunten Logos existieren hauptsächlich, um den bitteren Beigeschmack der Industrie zu überdecken. Die Macher von Logorama entwenden diese trotz Markenschutz und verbauen sie behutsam in ihren kleinen Film, lassen sie gegeneinander ausspielen und ermöglichen einen kurzen Blick hinter die Fassaden.
Logorama macht keinen Hehl daraus, dass wir von unzähligen Technobildern umgeben sind, die uns praktisch zu jeder Zeit in jeder Situation beinflussen vermögen. Sie lösen Emotionen und Diskussion aus, sie pflastern die Straßen voll und nicht zuletzt bewerben sie Produkte. Dass die Logos nur zur Wiedererkennung im Dschungel dieser Bilder vorhanden sind, merken die wenigsten. In diesem Fall hat die Industrie gewonnen, da das genauso beabsichtigt ist. Gerade in dieser vorliegenden Kurzfilmanimation hat das aber die gegenteilige Wirkung, es lenkt den Blick auf das Eigentliche. Jede Marke hat ihre einmalige Bedeutung und jeder ist in der Lage die wichtigsten Logos mit dieser Bedeutung zu verknüpfen.
Die Fast‐Food‐Kette gegen die Erde. Die Erde gegen alle. Irgendwann ist Schluss mit der Ausbeuterei, das zeigt der Film auf, wenn auch nur hintergründig. Die skurrilen Kombinationen von Handlungen im Film erzeugen lautes Gelächter im Kinosaal. Die Zuschauer sind sichtlich amüsiert über die ungewöhnliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Das ist auch kein Wunder, hätte Obama einen Kurzauftritt in einer Komödie, wäre das vermutlich ebenso unterhaltsam. Man sieht eben gerne etwas Bewährtes oder Bekanntes und der enorme Schwall der Marken hat die gleiche Funktion. Genau aus diesem Grund lösen sie ähnliche Gefühle aus, als würde man eine bekannte Persönlichkeit sehen. Logorama spielt mit diesem Effekt und eröffnet dadurch eine interessante Sicht auf dramaturgische Verhältnisse.
Nachdem aber die Welt verschwunden ist und die Natur‐ bzw. Umweltkatastrophe ihren Lauf genommen hat, wird man wieder zurückgeholt aus der synthetischen Welt. Man beginnt nachzudenken und nach kurzer Zeit stellt sich ein gegenteiliges Gefühl ein, denn eigentlich gibt es nichts zum Lachen. Wäre es nicht absichtlich karikativ überzogen, würde auch kein Gelächter entstehen. Vielleicht ist diese Welt auch gar nicht so synthetisch, sondern nur ein bunteres und dichteres Abbild der realen Welt.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung Filmanalyse: Geschichte und Techniken des Animationfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2010 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen beim Autor.
