6.6. - 10.6.2012

Videogioco - A Loop Experiment

Italien 2009, 1 min
Regie/Drehbuch: Donato Sansone | Musik: Enrico Ascoli

Review

von Paul Uhlmann

Mit „Bubenhumor“ bezeichnete einer der Programmgestalter des diesjährigen VIS den Inhalt  von Videogioco - A Loop Experiment nach der Vorführung des dritten Animation Avantgarde Programms. Ein Junge in grünem Shirt schlägt seinem Kontrahenten in blauem Shirt unaufhörlich ins Gesicht, bis dieser ein Messer zückt und seinem Angreifer mit einem Hieb den Kopf vom Leib schlägt. Der Kopf fällt in die Tiefe, um von einem Fußballspieler durch kräftigen Volleyschuss meterweit durch die Luft getreten zu werden und im Schlund eines Hunds zu landen. Wucht und Inhalt verformen den Körper des Hunds zu einem steifen Penis, welcher sofort von einer Hand stimuliert wird und seinen Inhalt ins Freie ejakuliert. Nach zahlreichen weiteren Transformationen, Flügen, Sprüngen, Würfen und einer Begegnung mit vögelnden Vögeln landet der Kopf wieder auf seinem angestammten Körper, der wiederum zum Schlag ausholt.

Bemerkenswert ist, dass sich all das auf einem riesigen Feld voll gefalteter und zugeschnittener Papierblätter abspielt, die mit Buntstift bemalt wurden. Ein Animateur bewegt sich auf diesem Feld und blättert sich durch verschiedene Blätter, die teilweise sehr kompliziert gefaltet wurden, um zum Beispiel die beiden Buben zu animieren, die trotz ihrer Bewegung am Fleck bleiben.

Videogioco ist das italienische Wort für Computer- bzw. Videospiel. Es handelt sich dem Titel nach wortwörtlich um ein Videospiel-Kreislauf-Experiment. Innerhalb des Videospiels kann jederzeit vor und zurückgespult werden kann, ein Umstand, der oft dramaturgisch eingesetzt wird. Es lassen sich allerdings nicht nur einzelne Abläufe wie zum Beispiel der Schlagabtausch theoretisch endlos wiederholen, sondern der ganze Handlungsbogen stellt eine Endlosschleife dar, innerhalb welcher der Animateur beliebig Spielraum hat, um Schwerpunkte auf einzelne Elemente zu setzen. Der schräge Humor bedient sich neben sexuellen Anspielungen hauptsächlich überzogener Brutalität. In diesem Punkt bestehen Ähnlichkeiten zu bekannten Fernsehformaten wie zum Beispiel Happy Tree Friends oder Itchy & Scratchy von den Simpsons, aber auch der Wettbewerbskonkurrent The External World bediente sich eines ähnlichen rabenschwarzen brutalen Humors.

Der 82 Sekunden kurze Film stellt keinen Hybriden aus Realfilm und Animationsfilm dar. Der Film ist in Einzelbildern aufgenommen worden, nur am Anfang des Films ist der Animateur wenige Sekunden in Echtzeit zu sehen. Die Zeichnungen werden durch Stop-Motion-Technik und die Faltungen der immer sichtbaren Hand in Bewegung gebracht. Die Einzelbildaufnahmen der bewegten Hand nennt man Pixilation, dadurch entsteht ein ruckeliger, springender Eindruck in den unrealistisch schnellen Bewegungen des Animateurs. Das Material des Films stellt ein auf eine große Fläche ausgebreitetes Daumenkino dar und kehrt damit zum Ursprung von Animation zurück. Besonders gut gefällt mir, dass sowohl die Technik und die Arbeit hinter Stop-Motion-Animation selbstreflexiv behandelt wird, also auch Bewegungen der Hand an einer Zeichnung Einfluss nehmen wie zum Beispiel bei der kurzen Masturbation oder beim „Wegschnalzen“ des Kopfes vom Körper des Schweins.

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

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