Varfix
Japan 2010, 8 min
Regie/Drehbuch/Produktion/Schnitt: Kotaro Tanaka | Musik: Kensuke Fujii
Review
von Sebastian Klausner
Varfix
Oder: Warum Kotaro Tanakas Formexperimente Kensuke Fujiis Musik die Schau stehlen.
ANIME WA. shôjo to hassha desu.
Ein unbewusstes Knacksen durchdringt die Dunkelheit. Es war da, jeder weiß es, niemand bemerkt es. Wie das Aufsetzen einer Schallplatte, welches den Anfang einer Ballade kennzeichnet, flüstert der Ton dem Auditorium durch die nächtliche Stimmung zu. Plötzlich wird das Schwarz der Leinwand von der Leuchtkraft einiger weißer, zerplatzender Blasen durchbrochen, von unscheinbaren elektronischen Beats begleitet. Ein zaghafter Anfang, der noch zu einem trommelfellzerreißenden Epilepsie-Trip mutieren sollte.
In einer seiner berühmtesten und meist zitierten Filmuntersuchungen reduzierte einst der österreichische Visionär Peter Kubelka das Kino auf seine Formalia: Licht und Dunkelheit, Stille und Ton. Ein Gedanke, der zwar auf rein medialer Ebene seine Richtigkeit hat, jedoch nie die Komplexität des Filmischen begründen konnte. Ist das, dieses Unding, tatsächlich Film, jene Leidenschaft? Gustav Deutsch setzt dem Satz seine pragmatische Antwort entgegen: FILM IST. a girl & a gun. Doch dass die magische Anziehungskraft des Zelluloids weder auf das rein Technische noch auf das rein Narrative zu reduzieren ist, beweist der japanische VJ Kotaro Tanaka mit seiner neuesten Lichtinstallation: Varfix.
Dabei war von Anfang an gar nicht geplant, dass Tanaka das Filmische in seiner Urform sucht. Vielmehr sollte er den Tonwelten – bzw. wohl besser „der singulären Tonwelt“ – von Kensuke Fujii auf visueller Ebene begegnen. Kurzum: Ein Musikvideo, jedoch als Gegenpol zur Begleitung gedacht – und zwar im doppelten Sinne. Einerseits wollte der visuelle Künstler dem elektronischen, seriellen Gesang eine Anti-These entgegenhalten, indem er – gleichfalls ebenso seriell – ein beschränktes Kompendium an expandierenden Formen zunächst Glied an Glied reiht und schlussendlich überlagernd die genuin schwarze Leinwand im weißen Rauschen untergehen lässt. Und in diese Kerbe schlägt das „andererseits“. Denn verhaftet Fujiis Klangimperium in der absoluten Serialität und Redundanz, indem der Komponist jene eine Note, die uns doch so sehr an kreischende Schmerzen im Zahnarztsessel erinnert, die uns mitten ins Mark fährt, immer und immer wieder in minimalen Variationen zum Hauptthema verklärt, pulsiert das Bild von den durchdringenden Schlägen eines Anderen. Zwar gehen Fujii und Tanaka Hand in Hand in symbiotischem Einklang auf, jedoch emanzipiert sich das Visuelle von seinem Ursprungsmaterial. So fällt das wortwörtlich gemeinte Hauptaugenmerk weniger auf den die Stille unterbrechenden Ton, als vielmehr auf das Schwarz zerberstende Licht.
FILM IST. nicht nur reines Schattenspiel. Ebenso wenig kann das sexistische Narrativ die auratische Einzigartigkeit des Mediums dingfest machen – dafür sind seine gleichartigen Brüder dem Film wohl zu ähnlich. Im Verständnis von Tanaka entwickelt sich das (Animations-)Kino zu der reinen Bewegungskunst zurück. Varfix ist eine ikonographische Landschaft des Anime, in welcher die kinetische Purität zum Ausdruck gelangt. Blasen, Blitze, Feuer, Flammen, Wogen, Wellen, Augen, Aura. Reduziert auf das (stereotype) Minimum des japanischen Animationsvokabulars erkennt man, wie jene stets ins Nichts flüchtenden, stets treibenden Formkonstellationen uns in ihren ekstatischen Sog zerren. Das Auditorium wird von reiner Energie mitgerissen, die von der Wucht der imaginierten Bewegungen strömt. Jener Mann, der Vertovs Verdikt über visuelle Experimente zum Kunst- und somit Lebensmotto erklärte, versucht mit analytischem Blick das Filmische zu verstehen und resümiert: Es ist nicht so sehr die Pistole als vielmehr der Schuss, der uns fasziniert.
ANIME IST. a girl & a shot – ANIME WA. shôjo to hassha desu.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen beim Autor.
