6.6. - 10.6.2012

Zoot Woman: Memory

Österreich 2009, 4 min, HD
Regie/Drehbuch/Produktion: Mirjam Baker, Michael Kren | Kamera: Andreas Thalhammer | Musik: Zoot Woman | Schnitt: Boris Steiner | Besetzung: Sandra Eder, Alexander Wieser

Review

von Wiktoria Pelzer

Polaroids, Fotos, Erinnerungen, Andenken. Was halte ich fest in einem Bild, einem Schnappschuss oder einem Urlaubsfoto? Will ich mir eine stetige Erinnerung schaffen für eine Zeit „danach“? Oder geht es eher darum, einen Moment festzuhalten, um ihn immer wieder wach werden lassen zu können? Und verblassen diese Erinnerungen nicht auch irgendwann wie alte ausgeblichene Polaroids? Ich möchte behaupten, dass fast jeder zu Hause eine Schachtel gefüllt mit diesen Erinnerungen hat oder auch ein Album, einen Rahmen. Egal ob für jeden sichtbar, an prominenten Orten aufgehängt oder aber vergraben und nur hin und wieder hervorgeholt. Doch viele der lebendigsten Erinnerungen überdauern meistens immer noch in unserem Kopf.

Der Song Memory der britischen Band Zoot Woman erzählt von solchen Erinnerungen. Erinnerungen an eine vergangene Beziehung, die man nicht loslassen kann, von der man nicht abkommen kann. Die beiden Regisseure Mike Kren und Mirjam Baker, die schon früher mit ihren faszinierenden Animationsarbeiten aufgefallen sind, haben ein Musikvideo entworfen, das nicht nur Promovideo für die Band sein will, sondern ein ganz eindeutiges Eigenleben hat und um die Begriffe Erinnerung, Verzerrung und Nicht-Loslassen-Können kreist. Das Regie-Duo wählt die Erinnerungsmetapher im Bild – die Fotografie oder auch das Diabild –, was noch eine weitere Ebene des Erinnerns eröffnet – die der Projektion. Was projizieren wir auf Menschen oder Dinge, an die wir uns erinnern? Und dies führt natürlich zu der Frage: wie erinnern wir uns? Und wieviel hat die Erinnerung mit der Realität zu tun? Sie kann bunt, lebendig, übertrieben und unwahr werden, sowie schwammig und unklar, aber auch überhöht und glorifiziert. Dies alles findet sich in den Bildern, die Kren und Baker hier kreieren. Ein junger Mann versucht zunächst seinen alltäglichen Abläufen nachzugehen, seine Erinnerungen geraten ihm aber immer mehr in den Weg. Er lässt sich auf sie ein: Er holt eine Schachtel mit Fotos hervor, nimmt sie mit und begibt sich an die Orte, an denen diese aufgenommen wurden.

Mike Kren und Mirjam Baker wählen hier eine intelligente Form der Abstraktion. Sobald der Protagonist durch die leeren Rahmen der Dias oder Polaroids schaut, scheinen sich vor ihm die Szenen der vergangenen Beziehung abzuspielen. Diese sind im Gegensatz zum Rest des Videos, das real gefilmt ist, animiert (rotoskopiert). Diese Trennung suggeriert zwei Welten, die zunächst nebeneinander existieren, sich aber bald zu vermischen scheinen: die reale Welt und die der Imagination und Erinnerung. Zunächst sind die animierten Sequenzen „eingerahmt“, begrenzt durch die Diarahmen, und dort wo der Protagonist den Rahmen hinhält, sehen wir die rotoskopierte Erinnerungswelt. Diese Welt erscheint mit viel satteren Farben, viel bunter und angenehmer als die der Realität und somit der Gegenwart, in der der Protagonist sich befindet. Der technische Aspekt der Rotoskopie eröffnet auch noch eine weitere Ebene: die Technik der Rotoskopie basiert auf zunächst real gefilmten Bildern, deren Einzelbilder später abgezeichnet werden. Das heißt, das Realbild war einmal vorhanden, wie das real existente Ereignis, nun ist nur noch die durch die Zeichnung ausgeschmückte Abbildung da – also die Erinnerung.

Wie erwähnt sind die Welten zunächst klar voneinander getrennt, doch bald beginnt die Erinnerung immer mehr in die Realität einzugreifen. Die Frau, an die sich der Protagonist erinnert, erscheint zum Beispiel im Rückspiegel seiner Vespa und scheint mit der Zeit immer mehr ein Eigenleben abseits seiner Erinnerungen zu bekommen. Den Höhepunkt erreicht die Vermischung der Welten, als die Frau den Protagonisten an der Hand berührt. In Folge dessen beginnt sie sich zu verdoppeln, er scheint sie überall zu sehen, und die Welt um ihn gleitet in die Animation, bis seine Hände sich auch in „Erinnerung“ verwandeln – also auch von Realbild zu rotoskopiertem Bild wechseln. Der Protagonist ist plötzlich in der Welt seiner Erinnerungen gefangen.

Zur Verwendung der Realfilm- und Rotoskopie-Szenen schreibt Mike Kren Folgendes: “diese vergangenen Ereignisse als rotoskopierte Animation zu visualisieren – unserer Meinung nach ein perfektes Mittel, Erinnerungen übertrieben stilisiert und „verschönt“ darzustellen, da viele Menschen ja genau das in ihren Köpfen tun: Die Vergangenheit verändert sich mit der Zeit, manche Aspekte werden verdrängt, andere verstärkt. [...]“ Das Video ist eine unheimlich einfühlsame Bearbeitung des Themas Erinnerung, sehr berührend und behutsam. Außerdem fügt es dem Song von Zoot Woman auch eine bildliche Entsprechung hinzu und erweitert ihn damit. Doch statt die Erinnerung zu verklären, steht am Ende doch die klare Abwendung von einem Leben in diesen Erinnerungen und ein Plädoyer für die Realität. Wohlgemerkt nicht auf die Techniken bezogen!

zu sehen u.a. hier:
http://www.youtube.com/watch?v=9T5bL6Qd_rw

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Alle Rechte liegen bei der Autorin.