Trois, Quatre... (Three, Four...)
Frankreich 2009, 3 min
Regie/Drehbuch: Jean-Patrice Blanc
Review
von Mona Lisa Linde
Jean-Patrice Blancs Film Trois, quatre.. getrennt von seiner Positionierung im Programm Animation Avantgarde 2 der VIS Vienna Independent Shorts 2011 zu betrachten, erscheint mir schwierig und nicht zielführend. Wie ein Film gesehen und im Gedächtnis gespeichert wird, hängt nicht einzig und alleine von dem gesehenen Film ab, sondern wird von vielen verschiedenen, häufig unterschätzten Faktoren beeinflusst. Vor allem bei Kurzfilmen, die für gewöhnlich in speziell zusammen gestellten Programmen gezeigt werden, kann man nicht so tun, als ob das, was davor und danach gezeigt wird, keinen Einfluss auf die Rezeption hat.
Die Besonderheit von Jean-Patrice Blancs Film zeigt sich in seinem Nicht-Besonders-Sein im Vergleich zu den anderen Filmen im Programm. Trois, quatre... ist sehr kurz. Der Film dauert knapp drei Minuten. Er beeindruckt nicht durch eine außergewöhnlich raffinierte Animation, spezielle Technik oder eine besonders kluge Botschaft, die der Filmemacher für das Publikum darin versteckt hat. Das Konzept, das hinter Trois, quatre... steckt, ist ein Einfaches. Eine simple Computeranimation bewegt sich synchron zu einer mitreißenden Jazzmusik, die sich in ihrer Intensität kontinuierlich steigert. Die Idee ist nicht neu. Musik-Visualizer verschiedener Musikprogramme funktionieren nach einem ähnlichen Prinzip. Es geht darum, Musik, die man hört, für das Auge sichtbar und somit intensiver erfahrbar zu machen. Ein reines Wahrnehmungsspiel also.
Und dieses Konzept funktioniert im Rahmen des Programmes fantastisch. Bei der simplen Animation stört es nicht wie bei anderen Filmen, dass die Projektionen im Metrokino während des Festivals permanent unscharf waren. Die Hauptsache ist, dass der Ton laut ist. Trois, quatre... tut beim Zuschauen gut, weil die einfachen Mittel, derer sich der Film bedient, gezielt eingesetzt werden und ihre Wirkung im Kino perfekt entfalten können. Ton und Bild massieren gemeinsam die vom vorangegangenen Programm strapazierten Sinnesorgane der Zuschauer. Der Regisseur schenkt dem Publikum fast drei Minuten reines Kinovergnügen, das bewegt.
Mag sein, dass man hinterher nicht so gut mit anderen Kinobesuchern über die Originalität der Animation diskutieren oder über die möglichen genialen Intentionen des Filmemachers spekulieren kann. Denn dazu gibt es nicht so viel zu sagen. Doch was die besondere Schönheit des Films ausmacht, ist, dass man nicht auf einer intellektuellen Ebene, sondern viel direkter auf einer sinnlichen Ebene berührt wird. Wenn sich einfach animierte Balken auf der Leinwand im Takt einer unsichtbaren Big Band bewegen, schafft es Jean-Patrice Blanc beim Zuschauer das Gefühl zu erzeugen selbst mitzutanzen, auch wenn sich der Körper nicht bewegt. Trois, quatre... macht einfach Spaß!
Der Film braucht dafür jedoch zweifellos die Wahrnehmung in der Kinosituation. Er funktioniert nur im abgeschlossenen, dunklen Raum, in dem die menschlichen Sinne dem Projektionisten fast schon hilflos ausgeliefert sind. Trois, quatre... ist ein kleiner, feiner, bescheidener Kinofilm, der ganz im Sinne des Avantgardekinos ein Gefühl für die Beschaffenheit des Mediums vermittelt - und das ohne dem Zuschauer zeigen zu müssen, wie man möglichst künstlerisch Langeweile erzeugt, um dessen subjektives Zeitempfinden zu intensivieren.
Trois, quatre... bemüht sich nicht darum den in Avantgardefilmkreisen zwingend geforderten und vor allem in Wien in sämtlichen Bereichen des Kulturlebens zum Volksfetisch herangewachsenen Kulturmasochismus zu befriedigen, sondern begnügt sich damit, einfach die Sinne des Publikums tanzen zu lassen.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen bei der Autorin.
