Orgesticulanimus
Belgien 2008, 9 min, Digital, BetaSP, 35 mm
Regie/Drehbuch/Schnitt: Mathieu Labaye | Kamera: Mathieu Labaye, Sébastien Godard | Produktion: Jean-Luc Slock | Besetzung: Benoît Labaye | Musik: Fabian Fiorini, Mathieu Labaye
Review

von Matthias Pötsch
Orgesticulanismus ist ein belgischer Animationskurzfilm des Filmemachers Mathieu Labaye, in welchem er sich mit der Lähmung seines Vaters und dessen einmaliger Fähigkeit das Potential der Behinderung zu erkennen auseinandersetzt und eindrucksvoll zeigt, wie aus Starre Bewegung entstehen kann.
So wie der Film in drei Akte unterteilt ist, kann man auch sagen, dass er auf drei Ebenen anspricht: Zuerst auf der ästhetisch-visuellen – Orgesticulanismus ist eine sehr gut gelungene, flüssige Animation, deren genaue Technik zu definieren eine schwierige Aufgabe ist. So sehen die Bewegungsloops sehr nach einer Computeranimation aus, wobei die organischen Formen später im Film sehr wie ein Zeichentrick wirken. Gerade dieser kaum erkennbare Übergang zwischen den verschiedenen Techniken macht den großen Reiz der Animation aus. Der Tanz und die Metamorphosen der Figuren werden in einer solch flüssigen und schwerelosen Selbstverständlichkeit verbildlicht, dass man ihre surreale Leichtigkeit beinah als die allernatürlichste Form der Bewegung empfindet.
Zweitens spricht Orgesticulanismus auf einer intellektuellen Ebene an – die Interaktion, welche die Erzählstimme aus dem Off mit dem bewegten Bild eingeht, ist eine so geglückte, dass man die geistige, innere Bewegungsfreiheit des gelähmten Erzählers beinah nachvollziehen und erkennen kann. Wie im Film gesagt wird: Bewegung wird neu erfunden. Aber die Reife, mit der die Lähmung vom Erzähler angenommen und nicht als Behinderung, sondern als Weg gesehen wird neue Möglichkeiten der Bewegung eben durch diese Bewegungsunfähigkeit zu finden, verblüfft noch weit über die wunderbare Animation hinaus.
Und die dritte Ebene, auf welcher Orgesticulanismus in seinen Bann zieht, ist die akustische – die Musik ist derart gut auf das Bild, den Tanz, die Verwandlungen abgestimmt, dass zwischen ebendiesen eine so tiefe Symbiose eingegangen wird, dass man Bild, Ton und Dramaturgie als ein verschmolzenes großes Ganzes wahrzunehmen nicht umhinkommt.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung Filmanalyse: Geschichte und Techniken des Animationfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2010 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen beim Autor.
