6.6. - 10.6.2012

MRDRCHAIN

Tschechien 2010, 10 min
Regie/Drehbuch/Produktion/Schnitt:
Ondřej Švadlena | Musik: Guillaume Blondeau

Review

von Merret Jilge (schneewittchen(at)jilge(dot)net)

In seinem animierten Kurzfilm MRDRCHAIN entführt der Autor, Regisseur und Produzent Ondřej Švadlena den/die ZuschauerIn in ein surreales, pulsierendes Universum. Der Protagonist Sliceman  -  eine quasi-menschliche Kreatur ohne Arme, die aus Scheiben besteht, welche durch eine Wirbelsäule und ein Geflecht von Adern verbunden sind - wandert zu düsteren elektronischen Klängen durch eine dunkle, wüstenartige Landschaft. Diese wird durch herab fallende Skelettkapseln und bodenlose Löcher, in denen sich in unendlicher Wiederholung pulsierende Wesen mit unzähligen Armen und Beinen verschlingen und wieder reproduzieren, geprägt und von schwingenden Straßenlaternen beleuchtet.

Auf seinem Weg gelangt er schließlich zu einem mehrstöckigen aus Rohren und Fenstern konstruierten Gebäude, an dem auf einer großen Reklametafel MRDRCHAIN zu lesen ist. Hinter den hell erleuchteten Fenstern erscheinen nackte Menschenartige in sehr gewalttätigen oder pornographischen Standbildern. Beleuchtet wird dieses Gebäude durch unzählige kleine Wesen, die temporär Elektrizität erzeugen, indem sie in einer Kettenreaktion ihren Nachfolger erstechen. Eines dieser Wesen bricht aus der Kette aus, läuft an seinen verrottenden Nachfolgern vorbei, um zum Ursprung bzw. zum Ende der Kettenreaktion zu gelangen, nur um dadurch in eine andere Ebene des phantastischen Landes der MRDRCHAIN gezogen zu werden. Sliceman geht seinen Weg durch organisch anmutende Blumenmeere, wird durch herumfliegende Fleischfetzen auf einmal kurzfristig vervollständigt, nur um sich dann wieder in seiner, durch den Zusammenstoß leicht derangierten Scheibenform in den pochenden Kreislauf seiner Umgebung einbinden zu lassen.

Švadlenas düsterer, surrealer Film wirkt wie der groteske Alptraum eines Internisten. Sämtliche Bestandteile der von ihm geschaffenen Welt sind organisch und in eine oder mehrere unendliche Kettenreaktionen eingebunden und faszinieren den/die ZuschauerIn nicht nur durch die blutigen Bilder, sondern auch durch die tiefen Einblicke in das Nervensystem des Gesamtorganismus Mrdrchain. Sliceman durchläuft sowohl urbane als auch naturbelassene Landschaften, welche trotz ihrer oberflächlich offensichtlichen Differenzen alle ein und demselben Kreislauf angehören.

Deformierte Morphologie, nässende Wunden, blutige Verschmelzungen – alles phantastisch und detailverliebt animiert und trotzdem eindeutig und erschreckend  menschlich. Dieser Film ist auf eine ganz besondere Art und Weise intermedial. Er beinhaltet Hybridität auf einer speziellen Ebene, da sie nicht durch das verwendete Material oder durch das perfekte Zusammenspiel von Bild und Ton gegeben ist, sondern vor allem durch die Interpretation der Bilder durch den/die ZuschauerIn, während oder nach dem Anschauen. Es erscheint mir unmöglich, eine eindeutige lineare Handlung in diesem Film zu sehen oder gar zu versuchen dieses Werk zu dechiffrieren, dennoch drängt sich die Virtuosität der kinematographischen Sprache, mit der hier gearbeitet wurde, geradezu auf.  Ein verstörendes und gleichsam faszinierendes Kunstwerk, dessen Vielschichtigkeit sich durch die Erscheinungsform des Protagonisten andeutet, aber erst in der Interpretation des Rezipienten verwirklicht.

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Alle Rechte liegen bei der Autorin.