6.6. - 10.6.2012

MRDRCHAIN

Tschechien 2010, 10 min
Regie/Drehbuch/Produktion/Schnitt:
Ondřej Švadlena | Musik: Guillaume Blondeau

Review

von Anna Stenzel (annastenzel1(at)gmx(dot)net)

Die animierte Traumwelt eines Menschen, der sich offenbar verletzlich und unsicher fühlt. Eine menschenähnliche Figur, deren Körperschichten nur durch dünne Ader-artige Fäden zusammen gehalten werden, wandelt durch eine brutale Wüste der Grausamkeit. Mitten in dieser Wüste entpuppt sich ein vermeintlicher Zufluchtsort als Ort des Schreckens. Eine Leuchtreklame aus der Ferne schreibt den Namen MRDRCHAIN. Bei näherem Hinsehen erkennen wir eine Murder Chain. Eine Kette von Figuren, bei der jede einzelne, von einem Lichtimpuls angetrieben, immer den  nächsten in der Reihe erdolcht. Im Hintergrund der Lichterkette, durch die Fenster des Hauses, der Sozialwohnungen, sehen wir Horrorszenarien der Gewalt und Sexualität.

MRDRCHAINs surreale Darstellungsweiseerinnert an eine animierte Traumsequenz aus einem David-Lynch-Film. Aus der Perspektive des Schicht-Männleins, genannt Sliceman, werden wir durch eine Welt getrieben, in die wir nicht gehören. Eine Welt der abnormen Körperlichkeit – oder befinden wir uns gar in einem abnormen Körper? Wie die Darstellung eines Traums in einem Traum sehen wir Körper in einem Körper. Das flüchtende Männchen ist gesichtslos, bleibt anonym. Anstelle des Gesichts nur eine Fäkalien ähnliche, in sich zirkulierende Masse. Sie symbolisiert die Angst vorm körperlichen Verfall. Ein besonders kritischer Blick des tschechischen Filmemachers Ondrej Svadlena auf Anonymität und Verstädterung, Kriminalität und Gewalt armer Stadtviertel. Mittels CGI führt er die Animationstradition seines Landes in etwas unkonventionellem Stile fort und erfährt daraufhin nicht nur aus Österreich Anerkennung.

Welche Moral verbirgt sich hinter diesem Alptraum? Sliceman, der Protagonist des Films, stellt sich als Aussteiger heraus. Auf einer einsamen Straße versucht er, dem Grauen zu entkommen und wiegt sich bereits in Sicherheit, als er endlich eine Art idyllischen Walds erblickt. Wieder nur ein Trugbild. Die Blumen des Waldes entpuppen sich als offene Körper mit rotierenden Geschwüren, denen man nicht zu nahe kommen will, aus Angst darin zu versinken. Es gibt keinen Ausweg aus dem Elend der Wüste der Gewalt. Du brauchst nicht zu flüchten, weil du dich immer im Kreis bewegst, von einem Alptraum in den nächsten stolperst. Es gibt kein Erwachen.

Trotz der brutalen, expressionistischen Darstellung des Filmes, trotz der skurrilen Atmosphäre untermalt durch die Begleitmusik, wendet der Zuschauer nicht freiwillig den Blick von der Leinwand. Der wirre dramaturgische Ablauf fesselt das Publikum und lässt es mit verzogenem Gesicht im Kinosessel zurück. Ist einmal der Groschen gefallen, wird MRDRCHAIN jedem als neues Animationsfilmmeisterwerk in Erinnerung bleiben.

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Alle Rechte liegen bei der Autorin.