6.6. - 10.6.2012

Maska

Polen 2010, 24 min
Regie/Drehbuch/Kamera: Brothers Quay (Stephen Quay, Timothy Quay) | Produktion: Marlena Lukasiak, Adam Ptak, Zbigniew Zmudzki | Schnitt: Janusz Czubak

Review

von Lukas Stern

Das Leben im Tod, das Tote im Leben

Natürlich ist die Reflexion jedem Kunstwerk grundeigen. Eine beseelte Puppe aber, die hinter einem holzgeschnitzten, ausdruckslosen Gesicht jeder Mimik entsagt und dennoch ihren Gang selbstbestimmt koordiniert, gibt diesem Begriff eine beinahe physische Präsenz.

Maska heißt der neueste Puppentrickfilm der Brüder Quay, in dem sie sich auf eine Science-Fiction-Erzählung Stanislav Lems berufen. In flackerndem Licht und auf kaum zu erkennendem Hintergrund transformiert sich etwas. (Dieses Etwas ist kaum näher zu beschreiben und vermutlich wäre das auch nicht der Kern). Etwas, von dem man kaum behaupten könne, dass es lebt, beziehungsweise zum Leben erweckt wird. Zwei heuschreckenartige Gestalten beobachten diesen Vorgang, scheinen ihn zu kontrollieren und suggerieren einen altbekannten Horror, der in ihrem Schweigen liegt, ihrer Konzentration, ihrer Berechenbarkeit, ihrer Programmierung.

Was hier im Einzelnen geschieht, scheint kaum relevant, vielmehr geht es hier um eine spezielle Form der ästhetischen Wahrnehmung. Es geht um das Wechselspiel energetischer Zustände zwischen Leben und Nichtleben. Was ist Lebendigkeit? Lem wirft in seiner Erzählung eben diese Frage auf. Wird ein totes Wesen lebendig, sobald es eine Moral entwickelt (dabei ist es egal, welche Moral)? Ist das selbstbestimmte Agieren entgegen der eigenen Programmierung und entgegen der zugrunde liegenden Codes der Lebensarten?

Bezeichnend ist es schon, wenn sich ausgerechnet ein Animationsfilm dieser Frage annimmt. Programmiertes verkörpert Programmiertes, das das eigene Programm zu erkennen beginnt und es umzuschreiben vermag. Reflexion ist hier der paradigmatischste Begriff, den man kaum zu nennen wagt, wenn man bedenkt, in wie vielen Kontexten er hier zur Geltung kommt.

Tatsache ist jedoch, dass hier die Animation nicht nur die unmittelbare Lebendigkeit ihres Kontrahenten, dem Realfilm, hinterfragt, vielmehr schafft die Animation hier Lebendiges, das dem Realfilm niemals als Mittel zur Verfügung stehen wird. Künstliche Intelligenz ist unbestritten das zentrale Motiv des digitalen Zeitalters. Maschinen, die sich selbst erfinden und der Kontrolle ihrer Schöpfer entweichen, die sich zur mächtigsten Rasse erheben, weil sie vom Menschen geschaffen wurden, der ihnen die Absenz der eigenen Fehlerhaftigkeit gewährt. Das sind unsere Lieblingsantagonisten, weil sie den Platz nach uns in der Nahrungskette einnehmen und gleichsam Produkt dieses Planeten sind.

Die Menschen, die herrschende Rasse, verleihen diesen Titel gerne an etwas, das sie selbst erschaffen haben. Vielleicht ersehnen wir uns Dankbarkeit. Jedenfalls bleibt nicht zu hoffen, dass sich die Masken bald selbst einen Charakter zulegen, grinsen und erzürnen, wann es ihnen passt und am besten noch anfangen zu diskutieren. Das wäre der Tod des Animationsfilms.

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Alle Rechte liegen beim Autor.