6.6. - 10.6.2012

Five Years Older: The City

Schweiz 2010, 4 min
Regie/Drehbuch/Schnitt: Dirk Koy | Produktion: Equipo

Review

von Michael Hinterseer

Das Festival VIS Vienna Independent Shorts bot einen Reigen an Animationsfilmen. Die Vielfalt reichte von Puppenanimation über Stop-Motion bis hin zur Computeranimation, die sich immer mehr in den Vordergrund spielt. Ein besonders raffiniertes Exemplar digitaler Animation ist Dirk Koys The City.

Mit gekonntem After-Effects Einsatz generiert er eine Stadt in permanenter Metamorphose. Die Strukturen bleiben dabei gleich – lediglich die Masken auf den Gebäuden verschwimmen wellenförmig ineinander und wechseln das Gesicht der Stadt im rhythmischen Sekundentakt. Dann verwandelt sich die Stadt in Gesichter, in Züge, Bäume. Das Gesamtkonstrukt Stadt ist für den Zuschauer nicht mehr visuell greifbar und forciert eine Umschaltung in die Impressionsflut. Der Film bietet dem Betrachter gekonnt bekannte Formen dar, nur um sie ihm anschließend zu zerstören.

Die Theorie, dass der Mensch vom Kino lernt, wie er mit den Eindrücken der Stadt umgehen soll, wird hier in die Moderne übersetzt. Eine permanente übergangslose Beschleunigung reizt das Rezeptionsvermögen gänzlich aus. Zum Lärm, zum Verkehr, zur Mächtigkeit der Stadt, addiert Koy die omnipotente Medialität derselben. Bis zur Schmerzgrenze überlagern sich schwarz und weiß, die Kamera stürmt durch die Straßen und oszilliert zwischen den Blickwinkeln, bis im Auge ein Moiré entsteht. Erst wenn man die Verfolgung der Formen aufgibt und das Bild nur noch als das Ganze wahrnimmt, zeichnen sich die Formen erneut ab. Dadurch schafft Koy eine Art zweites Sehen, das man sich aneignen muss, um dem Film folgen zu können. Der Zuschauer erreicht durch diese notwendige Ausblendung erst eine Form der transzendenten Wahrnehmung, welche ihm das Sehen erneut ermöglicht.

Wenn der Zug die Stadt wieder verlässt, stellt sich auch im Betrachter wieder der Normalzustand ein. Es ist jedoch bemerkenswert, dass es einem Film gelingt, das heutige, in den Sehgewohnheiten geschulte Publikum zu überholen – ohne sich dabei auf die reine Überflutung der Reize zu stützen. The City macht sich dadurch zum rezeptionstheoretischen Eremiten der ansonsten doch vor allem auf Effekte ausgelegten Beiträge des Animation Avantgarde-Programms von VIS.

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Alle Rechte liegen beim Autor.