6.6. - 10.6.2012

Luis

Chile 2007, 4 min, DigiBeta
Regie/Drehbuch/Kamera/Schnitt/Produktion: Niles Atallah, Cristóbal León, Joaquín Cociña | Besetzung: Paula Navarrete

 

Review

von Michael Karl

Luis lässt mich an seinen Erinnerungen teilhaben. Durch die düstere und klaustrophobische Stimmung innerhalb des kleinen Zimmers bekommt Luis einen beinahe geisterhaften Charakter. Zwar erzählt er von Erlebnissen, aber niemals war ich mir sicher, in welcher Position ich mich nun befinde. Der Geist bewegt sich durch den Raum, erscheint vor der Kamera, bewegt die Kamera mittels Pusten und geht im Wald an der Zimmerwand, in einer gemalten Dimension, spazieren. Es ist sein Raum, an der Wand entstehen seine Erinnerungen und am Ende werde ich rausgeworfen. Er bläst das Licht aus und verstummt.

Faszinierend daran ist für mich die narrative Ebene, die parallel zu den Animationstechniken einen besonderen Stellenwert in der Gesamtkomposition bekommt. Oft wurde, ob spielerisch oder ernsthaft, mit Stop-Motion gearbeitet, und das Hauptaugenmerk lag auf der ruckartigen Bewegung eigentlich toter, seelenloser Gegenstände. Die Arbeit mit der Stop-Motion-Technik lässt hier tatsächlich eine eigene Welt, eine eigene Persönlichkeit entstehen, an deren Erlebnis der Zuschauer teilhaben darf ohne sich der eigenen Position im Klaren zu sein. Mehr noch, Luis schafft es aus seiner ‚gemalten’ Existenz heraus das Interieur zu bewegen, lässt seine Erinnerungen an den Wänden entstehen, scheinbar ohne Mühe um das zu untermalen, was er erzählen möchte.

Die aufwändig gestalteten Bilder werden stets neu übermalt und falls notwendig soweit mit den Gegenständen im Raum angepasst, dass Luis, beseelt durch die Fotografie, zwischen der zweidimensionalen Welt der Wand und dem abfotografierten, düsteren Raum umher wandern kann. Dieses fantastische Erlebnis bestärkt weiter die geisterhafte Existenz von Luis. Es herrscht ein auf eine Art diegetisches Verhältnis von Bild und Ton, von Erinnerung an den Wänden und der Erzählung des Geistes. Das, was er erzählen möchte, die Erfahrungen, von denen er berichtet, passieren als animiertes Gemälde, als Animation noch mal auf der Wand. Er lässt die Erinnerungen an bestimmte Momente mittels Gedanken, während seines Monologs, entstehen, liefert mir Bilder seiner Geschichte.

Darüber hinaus ist die Bedeutung der Beleuchtung für mich sehr zentral. Zwar gibt es im Raum eigentlich nur eine deutliche Lichtquelle, doch auch als Luis durch den dunklen Wald wandert, wird er erst durch den ‚Lichtkegeleffekt’ sichtbar. Da die Bilder im Kontrastverhältnis Schwarz-Weiß gehalten werden, wird die düstere Atmosphäre weiter gesteigert und die ‚Beleuchtung’ mittels der Farbe Weiß sehr deutlich dargestellt - düster auch dann, als der ‚Junge’ allein im Wald vor dem Lagerfeuer sitzt. Nichts anderes wird beleuchtet als die Bäume unmittelbar in der Umgebung.

Dass es der Raum eines Geistes ist, ein privates Gemach, merke ich, als ich, der Betrachter, die Kamera aus dem Zimmer vertrieben werde und das elektrische Licht von Luis ausgeblasen wird.

Obwohl es eine stark betonte narrative Ebene gibt und der Wettbewerb mit ‚Animation Avantgarde’ konkretisiert wurde, fügt sich dieser kurze Animationsfilm dennoch geschickt den Richtlinien, da er durch die Animation resp. durch die animierte Welt an der Wand einen Bezug zum analog fotografierten (damit evidenten) Raum schafft und die Regeln des gemalten Bildes hinter sich lässt. Luis, der animierte Geist, beherrscht dieses Zimmer.

 

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung Filmanalyse: Geschichte und Techniken des Animationfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2010 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Alle Rechte liegen beim Autor.