Lucía
Chile 2007, 4 min, DigiBeta
Regie/Drehbuch/Kamera/Schnitt/Produktion: Niles Atallah, Cristóbal León, Joaquín Cociña | Besetzung: Paula Navarrete
Review

von Frederique Trautmann
Der Lebensraum spiegelt die Persönlichkeit seines Bewohners wieder. Auf dieser Tatsache baut der Kurzfilm Lucía auf. Den drei chilenischen Regisseuren Niles Atallah, Cristóbal León und Joaquín Cociña gelingt es, Albträume lebendig werden zu lassen. Für knapp drei Minuten entführen sie die Zuschauer in eine poetisch anmutende Welt voller Schatten und Paranoia.
Foto für Foto wird ein gewöhnliches Kinderzimmer in Stop-Motion-Technik animiert und mehr und mehr mit Erde und schwarzer Farbe inszeniert. Schließlich sind die Wände in dem Raum gänzlich düster. Jedoch passiert dies nicht willkürlich: Zwischendurch entstehen Bilder an der Wand, ein Mädchen, das sich bewegt, dann ein Gesicht. Automatisch vermutet man, dass es sich dabei um ein Bild von Lucía handelt oder vielleicht sogar um Lucía selbst.
Auch das Licht in dem Zimmer verändert sich. Es zeichnet harte Schatten, flackert gespenstisch auf und hebt sonderbare Vorfälle hervor, wie zum Beispiel einen Blumentopf, der scheinbar von selber vom Tisch fällt und zerbricht. Düsteres Wispern - mit einer surreal klingenden Stimme erzählt „Lucía“ währenddessen ihre Geschichte. Der Film erinnert an ein Stück Poesie. Er wird von der emotionalen Berührung der Stimme geleitet, die sich von anfänglicher kindlicher Angst zur ausgewachsenen Wahnvorstellung entwickelt, je dunkler das Zimmer wird.
Dramaturgisch interessant ist, dass der Zuschauer nie genau erfährt, wer „Lucía“ eigentlich ist und wovor sie Angst hat. Man sieht das Zimmer altern, verdrecken, ohne dass jemals eine Ursache dafür zu sehen ist. Die unaufhörlich flüsternde Stimme gibt nur in verstörten Bruchstücken preis, was sie bewegt. Sie hat Angst vor Geräuschen, der Nachbar ist ihr unheimlich und dann spricht sie davon, „sie“ entdeckt zu haben... Wer „sie“ jedoch sind, erfährt man nicht.
Schließlich hat die Stimme Angst vor einem Garten, dessen Erde das Zimmer immer mehr erobert. Und so bekommt man den Eindruck, dass Lucía vielleicht selber das Zimmer sein könnte. Es gibt auf jeden Fall viele Schatten in Lucías Welt und doch wird dem Zuschauer Raum gegeben, seine eigene geheime Angst in „Lucías“ Geschichten hineinzulesen. Und Lucía hat einen Freund, Luis...
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung Filmanalyse: Geschichte und Techniken des Animationfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2010 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen beim Autor.
