Lucía / Luis
Chile 2007, 4 min, DigiBeta
Regie/Drehbuch/Kamera/Schnitt/Produktion: Niles Atallah, Cristóbal León, Joaquín Cociña | Besetzung: Paula Navarrete
Review
von Kamala Reiter
Beim diesjährigen VIS-Festival wurden im Rahmen des Wettbewerbs „Animation Avantgarde 3“ der erste und zweite Teil der Filmserie Lucía, Luis y el lobo aus Chile gemeinsam von der Jury zum Sieger erklärt, zu Recht, wie ich finde. Die Macher, Niles Atallah, Cristóbal León und Joaquín Cociña, bedienen sich des scheinbar gewohnt-gewöhnlichen Settings eines Wohnzimmers, um eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen.
Mit der analogen Animationstechnik der Pixilation, der Stop-Motion-Aufnahme von Gegenständen und Menschen, erhält die Geschichte einen eigenen Zauber, der sie lebendig werden lässt. Diese Technik wird so detailreich und fortgeschritten eingesetzt, dass man als Zuschauer ins Grübeln gerät, welche Teile wohl zuerst gedreht wurden. Besonders schwer festzustellen ist dies, da Dinge zerbrochen und zerrissen, vermischt, getrennt, zusammengefügt und wieder zerstört werden, teilweise in wenigen Momenten. Zeichnung und Collage werden auf besondere Art in den Prozess eingebunden, die Figuren erscheinen als Kohlezeichnungen auf den Wänden und nehmen Einfluss auf das Geschehen, dann wieder fegt ein Wind (oder Poltergeist) durch das Zimmer. Auf Schränken und Wänden bewegen sich die Figuren, entfernen sich scheinbar und tauchen an anderer Stelle wieder auf, werden manchmal zu realen Silhouetten hinter dem erleuchteten Fenster.
Aber nicht nur das Bild erzählt, auch der Ton wird bemerkenswert eingesetzt. Die Stimme von Lucía erklingt, flüstert von ihren Begegnungen mit Luis, erzählt atemlos, dass sie sich fürchtet. In Luis wird dessen Zorn in der Verbindung seiner halblaut fluchenden Stimme und der rasenden Zerstörung des Zimmers spürbar, seine Resignation im langsamen Wiederaufbau und dem Rückzug hinter einen Vorhang. Die Geräusche, die die zerbrechenden Gegenstände verursachen, tragen zu dem Schauer bei, der sich im Publikum breit macht. Sie sind mehr Musik als Geräusch, eine Hintergrundmusik, die passender nicht sein könnte.
Die Geschichte wird zuerst in Lucía aus deren Perspektive erzählt, während man das Gefühl hat, das Luis ums Haus schleicht. Der Aufruhr in ihrem Innern lässt das ganze Zimmer zu Bruch gehen; in Luis ist am Ende scheinbar alles beim Alten, doch wenn man genau hinsieht, erkennt man die Bruchlinien auf jedem Teller. Die Filme erzählen ein zeitloses Märchen, das sich gar nicht so märchenhaft zeigt. Es ist ein real werdendes Gefühl, das zum Sturm im eigenen Zuhause wird.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung Filmanalyse: Geschichte und Techniken des Animationfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2010 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen bei der Autorin.


