Horse Glue
UK 2010, 7 min
Regie/Drehbuch/Produktion: Stephen Irwin | Musik: Sorenious Bonk
Review
von Teresa Wicha
Skurrilität + Schock
Einen Animationsfilm für Kinder hatte Stephen Irwin gewiss nicht im Sinn, als er Horse Glue schuf. So unschuldig die ersten Bilder anmuten möchten, verweisen bereits die ersten Töne des Soundtracks auf das drohende Unheil, welches den Figuren bevorsteht. Schwarz-weiße sieben Minuten packen den Zuschauer und schleudern ihn zwischen die Kluft von niedlichen Animationsfiguren und ihrem grausigen Schicksal. Kennt man dieses Mittel zum Zweck – putzige Charaktere schockieren in blutiger Handlung – bereits aus mehreren Filmen, verfehlt es dennoch nicht sein Ziel.
Ebenso wenig wie die Kombination verschiedenster Techniken nicht ohne Wirkung auf das Publikum bleibt. Unter diesem Gesichtspunkt sind die beiden Handlungsstränge als getrennte Arbeiten zu betrachten, die in weiterer Folge zu einem einzigen Film verschmelzen. Horse, die Geschichte eines Krieges, ist handgezeichnet, bearbeitet und als eine Art verzerrtes, von Linien durchdrungenes Fernsehbild sporadisch über die Filmszenen von Glue gelegt. Unterstrichen wird dieser Eindruck eines altersschwachen Flimmerkastens noch von der Tonspur, die Knarren und Knirschen mit dem Sound von Glue vermischt. Gänzlich anders präsentiert sich eben jenes Glue, das die Haupthandlung über ein Kind, welches in den Wald verschleppt wird und dort Schlimmes erlebt, bietet und seine Figuren, liebevoll gezeichnet, durch Cut-Out-Animation zum Leben erweckt. Aus Papier geschnittene Figuren werden bewegt und abgefilmt. Im Fall von Glue geschieht dies vor einem großflächigen, fotografischen Hintergrund. Eben jener Background sind die Fotografien eines Waldes, echt, real, in die die Cut-Out-Figuren einsinken.
So sind nicht nur zwei Filme und mehrere Animationstechniken kombiniert, sondern diese sind zusätzlich noch mit Realbildern versetzt. Die Fotografie als Element des, beruft man sich auf seine Entstehung, hybridisierten Realfilms knallt jedoch nicht gegen die Animationen, nein, sie stellt sich ihr ebenbürtig und führt zu einer Symbiose als Hybrid, in welchem die Unterschiede deutlich zu sehen und im Zuge der Handlung zu würdigen sind.
Als würden die Geschichte, die den Wandel von Unschuld zu Tod thematisiert, und die Animationsvielfalt nicht reichen, um die Augen des Zuschauers groß werden zu lassen, spart der Film auch nicht mit bitterbösen Verweisen. Denn Mickey Maus taucht mehr als nur einmal angedeutet in dieser tristen, grausamen Filmwelt auf: die Handschuhe an den Händen des kindsverschleppenden Erwachsenen, die Mickeys Kopf gleichende Maske an einer der düsteren Figuren. Intramedialität, die einen den Sinn hinterfragen lässt und den Gedanken der kindlichen Unschuld in diesem Film weiter ad absurdum führt. Düster, grausam, faszinierend.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen bei der Autorin.
