6.6. - 10.6.2012

A Family Portrait

UK 2009, 5 min
Regie/Drehbuch: Joseph Pierce | Produktion: Mark Grimmer and Aneil Karia for Fifty Nine Productions | Kamera: Liam Iandoli | Schnitt: Robbie Morrison | Musik: Dominic Fitzgerald | Besetzung: Robert Bathurst, Jack Laskey, Sarah McVicar, Danica Moore, Mitch Turner

Review

von Sabine Glinker

Seit seinem Erscheinen im Jahr 2009 lief A Family Portrait von Joseph Pierce bei zahlreichen Kurzfilmfestivals und gewann dabei einige renommierte Preise. Ein erfolgreicher Kurzfilm also, der dennoch auch in diesem Jahr bei den Vienna Independent Shorts das Publikum überraschen konnte.

„Eine Photographie zeigt nie die Wahrheit“, so lautet ein Zitat von Richard Avedon, und im Sinne von Pierce’s Kurzfilm hat er Recht: Die Wahrheit kennt nur das Publikum. Die Zuschauer erkennen in den Szenen die verborgenen Konflikte zwischen den sonst sehr biederen und auf Korrektheit bedachten Familienmitgliedern. Misstrauen und Eifersucht, Übermut und Unbeholfenheit treten zutage in der hyperbolischen, metaphorischen Bildsprache des Regisseurs. Er schafft es, das Bemühen um ein gutes Foto darzustellen und gleichzeitig die Gründe für sein Scheitern zu liefern. Denn was eigentlich ein harmloser Fototermin war, hält tatsächlich eine Fülle von Anschuldigungen bereit: Die fehlende Krawatte, ein langes, blondes Haar am Revers, das nicht der brünetten Ehefrau gehören kann, eine unbedachte Bemerkung des Fotografen. Nach und nach wird gekonnt Spannung aufgebaut, bis hin zur unvermeidbaren Eskalation, die in diesem Fall dennoch ungeahnte Formen annimmt.

Joseph Pierce bedient sich hier, wie schon bei seinem vorhergehenden Kurzfilm Stand Up, einem besonderen Verfahren der Rotoskopie. Zunächst spielen reale Schauspieler die Szenen, anschließend druckt er jedes zweite Bild aus, um über die Umrisse zu malen. Dann wird alles eingescannt und digital zusammengefügt. Eine Menge Arbeit also, die ihn jedoch dazu befähigt, herrliche Übertreibungen in den Film einzubauen, wenn etwa die Nase der argwöhnischen Frau überdimensional anwächst und ihre Nasenlöcher sich weiten, um den Mann abzuschnüffeln. Gerade an diesem Beispiel wird die Hybridität von A Family Portrait deutlich: Vor den Augen der Zuschauer verschwimmt die Grenze zwischen dem, was die Schauspieler in der ersten Fassung des Films getan haben und dem, was aus der Feder des Regisseurs stammt.

Während der fünf Minuten werden vielen Fällen sehr einfallsreich die Möglichkeiten ausgeschöpft, die diese Technik bietet. Gepaart mit viel schwarzem Humor macht dieser Einfallsreichtum den Film zu einem der Highlights der Animation Avantgarde in Wien 2011.

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Alle Rechte liegen bei der Autorin.