A Family Portrait
UK 2009, 5 min
Regie/Drehbuch: Joseph Pierce | Produktion: Mark Grimmer and Aneil Karia for Fifty Nine Productions | Kamera: Liam Iandoli | Schnitt: Robbie Morrison | Musik: Dominic Fitzgerald | Besetzung: Robert Bathurst, Jack Laskey, Sarah McVicar, Danica Moore, Mitch Turner
Review
von Birte Gemperlein (a0907079(at)univie.ac(dot)at)
Familienporträts sind immer eine runde Sache: Alle sehen bezaubernd hübsch aus, alle strahlen wie Honigkuchenpferde über beide Wangen und alle scheinen ein eingeschworenes, harmonisches Team zu sein – nicht so in Joseph Pierce Animationskurzfilm A Family Portrait aus dem Jahr 2009.
Das Ziel der frühen Fotografie, die Wirklichkeit möglichst naturgetreu wiederzugeben, wird bei diesem Fototermin definitiv umgesetzt. Keine vorgegaukelte Harmonie, sondern die wahren Emotionen kommen zum Vorschein. Mit Hilfe der Rotoskopie, ein Verfahren, bei dem Realfilmaufnahmen auf eine Mattscheibe projiziert und dann nachträglich „abgepaust“ sowie zeichnerisch erweitert werden, hat Pierce auf technischer Ebene einen Hybridfilm geschaffen, der Gedanken und Gefühle karikiert, die besser in Bild und Ton nicht zu fassen wären.
So beschnuppert die Ehefrau ihren Mann nicht nur argwöhnisch, sondern bekommt in der zeichnerischen Umsetzung gleich noch eine überdimensional anwachsende Nase verpasst, die sich wie eine Saugglocke über den Kopf ihres Mannes stülpt, als wollte sie auch nur jegliche kleinste Fremdgeruchskörper erhaschen, die ihren Mann der Untreue bezichtigen könnten. Der Aufforderung des Fotografen, ihrem Mann einen zarten Schmatzer auf die Wange zu drücken, kommt sie weniger liebevoll nach – mit ihrer Riesenzunge schleckt sie ihm eher abwertend das gesamte Gesicht ab. Der Fotograf hält diese bezeichnende Geste als Schnapsschuss fest.
Das Medium Film stößt dabei auf das Medium Fotografie, so dass man A Family Portrait durch diese Grenzüberschreitung als intermedialen Animationsfilm bezeichnen kann. Ihr Mann hingegen wirkt gereizt; sein Gesicht mutiert kurzfristig zu einem grunzenden Teufel, während die Kinder gelangweilt wirken und Grimassen mit hervorquellenden aderdurchzogenen Augen und weit aufgerissenen Mündern ziehen. Die Stimmung ist angespannt. Der Rezipient sieht keine harmonische Familie, sondern vier Personen, die zueinander Abstand halten. Die abschließende freimütige Kissenschlacht als ach so schönes Motiv unvergesslicher Familienporträts wird hier zum Schlachtfeld der realen Gemütslage aller Familienmitglieder.
Gerade die Mimik der einzelnen Figuren wird durch das Rotoskopieren nochmals verstärkt – sie wirken nicht nur depressiv, geschafft und frustriert, sondern mit ihren tiefen dunklen Augenfurchen und weit nach unten gezogene Mundwinkel wie diabolisch unberechenbare Clowns à la Joker aus dem Spielfilm The Dark Knight. Während der Realfilm allein nicht in der Lage wäre, die tiefgründigen Gedanken der Familienmitglieder zu unterstreichen, würde ein reiner Animationsfilm zu starr und weniger fein in seinen Bewegungen wirken. Die Verbindung beider Filmgenres über die Rotoskopie ermöglicht lebendige Abstraktheit, so dass der Animationsfilm letztlich beinahe wieder real auf den Zuschauer wirkt.
So wie das Bildmaterial durch Rotoskopie verdoppelt bzw. „geschichtet“ wird, sind auch die Dialoge doppeldeutig. „Are you ready to say cheese?“ – „Cheat?“ Genau das ist es, was A Family Portrait aufdeckt: Den vorsätzlichen Beschiss vieler scheinbar putzig bunter Familienporträts. Pierce gelingt ein karikierender, jedoch nicht etwa überzeichneter Animationskurzfilm. Das Nicht-Sichtbare der Gedankenwelt wird mit Hilfe des Rotoskopie-Verfahrens sichtbar – erschreckend sichtbar!
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen bei der Autorin.
