6.6. - 10.6.2012

/... (flüssiges papier)

Deutschland 2009, 4 min
Regie/Drehbuch/Produktion: Michel Klöfkorn

Review

von Franziska Koller

Der knapp vierminütige Film / … (flüssiges papier) von Michel Klöfkorn, der in der VIS-Kategorie Animation Avantgarde eine lobende Erwähnung der Jury erhielt, hinterließ bei mir – trotz seiner atemberaubend schnell gerafften Flüssigkeit – einen nachhaltigen Eindruck, weswegen ich ihn hier rezensieren und weiterempfehlen möchte.

Michel Klöfkorn schnitt mithilfe eines Cutters verschiedene Formen in Bildbände. Diese Formen wurden anschließend in einem raffiniert fortgeschrittenen Daumenkino-Prinzip animiert. Während die nicht enden wollenden, bedruckten Seiten in einem rasanten Tempo vor unseren Augen durchblättert werden, gibt das zweidimensionale Ursprungsmaterial dreidimensionale Formen preis: Die in die Seiten geschnittenen Schichten – „geologische höhenlinien“, wie sie Klöfkorn in der Beschreibung seines Films nennt – geben den verschiedenen Formen Tiefe und lassen sie daraufhin gleich wieder verschwinden. Wir sehen geometrische Formen, Sterne, Buchstaben, Ornamente; Hände sowie ein Flugzeug kehren immer wieder und eine Gans schreitet gemächlich voran, während die jeweiligen Fotos, aus denen sie ausgeschnitten ist, so schnell wechseln, dass sie als Einzelaufnahmen vom menschlichen Auge nicht mehr abgetastet werden können.

Egal wie oft man sich / … (flüssiges papier) ansieht, bei jeder Sichtung nimmt man wohl neue Bilder und somit neue Bedeutungen wahr: Die Wahrnehmung wechselt ständig zwischen der Verfolgung der animierten Formen sowie Eindrücken, die man aus dem Material der Animation erhascht; einzelne Worte können gelesen werden, farbige Bilder wecken Assoziationen, um jedoch schnell vom nächsten Element, das die Aufmerksamkeit auf sich zieht, abgelöst zu werden. Das Spiel aus Licht und Schatten, das Michel Klöfkorn ab der Mitte des Filmes als zusätzliche Dimension einführt, bringt eine weitere Schicht an Bildern hervor; „der film ist in seiner herstellungsweise der europäischen schweineborsten malerei gegensätzlich, er legt schichten frei, die andere zuvor schichteten“ (Michel Klöfkorn). / … (flüssiges papier) erreicht meiner Ansicht nach hohe resp. tiefe Vielschichtigkeit – nicht nur durch die Materialität des Filmes, sondern vor allem auch durch den überaus großen Freiraum für die Bildung unzähliger, immer wieder neuer Lesarten.

Der Sound des Filmes, der dessen Wirkung gut unterstützt, besteht zum größten Teil aus einem Rauschen, das schwer lokalisierbar bleibt: das Stereo-Rauschen teilt sich oftmals in verschiedene Qualitäten auf, die mal zaghaft mal forsch, mal links mal rechts zu hören sind. Das Rauschen von Motoren sowie des des Windes sind auszumachen, manchmal knistert ein Fernsprecher; man hört leises Französisch und lautes Englisch, jedoch lediglich durch die laute Störgeräusche hindurch. Das flüssige Papier rauscht also hier am Rezipienten regelrecht vorbei.

Kurz und gut: In seiner Animation und in all seinen Schichten ein regelrecht berauschender Film.

Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.

Alle Rechte liegen bei der Autorin.