Dromosphäre
Deutschland 2010, 10 min, HD
Regie/Drehbuch/Kamera/Schnitt/Produktion/Musik: Thorsten Fleisch
Review

von Nina Grün
Schon der Titel bietet eine erste Analogie zu Paul Virilios Begriff der Dromologie und dem in seinem Text Fahrzeug beschriebenen Phänomen der Nähe: Für den Blick aus dem Fenster des Automobils scheint der Vordergrund blitzschnell zu verschwinden, während der Hintergrund nur langsam wegrückt. Genau diese Erscheinung – sowie die derzeit viel diskutierte Beschleunigung der Zeitwahrnehmung überhaupt – greift meiner Meinung nach der Kurzfilm von Thorsten Fleisch auf. Dem Zuseher wird somit die Frage gestellt, mit der sich schon Virilio befasst hat: Worauf werden wir warten, wenn wir nicht mehr warten müssen um anzukommen?
Anstatt hier nun zu versuchen eine philosophische oder anders geartete Antwort zu geben, führe ich eine vergleichbare Aussage von Markus Stauff an: alle Apparaturen der Gegenwart präsentieren sich selbst immer nur als eine Vorstufe eines perfektionierten und somit endgültigen Mediums. Diese wiederum steht – wie ich meine – in engem Zusammenhang mit Joseph Vogls viel zitierter Aussage: „Medien machen lesbar, hörbar, sichtbar, wahrnehmbar, all das aber mit einer Tendenz, sich selbst und ihre konstitutive Beteiligung an all diesen Sinnlichkeiten zu löschen und also gleichsam unwahrnehmbar, anästhetisch – oder auch: apriorisch – zu werden.“
Für mich verdeutlicht der zehnminütigen Animationsfilm von Thorsten Fleisch eben all diese für die Medienwissenschaft interessanten Aussagen. Ferner noch hat dieser Kurzfilm in meinen Augen genau die Wirkungsweise, die Paul Virilio dem Kino zuschreibt: Es geht um eine Idee eines Unterlaufens der Wahrnehmungsschwelle und um ein Antrainieren von bestimmten Wahrnehmungstechniken, deren psychologische Grundlage die von Georg Simmel verwendete Phrase der Steigerung des Nervenlebens darstellt.
In unserer heutigen Welt bestehen unsere Beziehungen zu anderen Menschen aus sehr vielen kurzen, flüchtigen Begegnungen in einer kurzen Zeit. Schnelllebigkeit und Anonymität sind die daraus resultierenden Kennzeichen unseres Lebens. Weiters folgen wir dem Prinzip thrill upon thrill, was etwa so viel bedeutet wie, dass man ins Kino geht, um sich von einem anstrengenden Tag zu erholen und sich erst einen aufregenden Film anschaut, weil man einfach „nicht mehr runter kommt“.
Dromosphäre fährt genau diese Schiene. Das Objekt, das ganz am Anfang kaum sichtbar ist, nähert sich dem Betrachter immer mehr, wodurch eigentlich erst sehr spät klar wird, was man eigentlich sieht. Auch der Ton unterstützt die Wahrnehmung in diesem Fall nicht – ganz im Gegenteil, man stellt sich neben der Frage „Was ist zu sehen?“ auch die folgende: „Was höre ich?“
Ich persönlich bin von diesem Animationsfilm von Thorsten Fleisch sehr begeistert. Weniger wegen dessen Herstellungstechnik oder der Geschichte, die erzählt wird, sondern eben wegen all dieser Querverbindungen, die man in Richtung Medienwissenschaft ziehen kann.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung Filmanalyse: Geschichte und Techniken des Animationfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2010 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen bei der Autorin.
