Coming Attractions
Österreich 2010, 25 min
Regie/Drehbuch/Produktion: Peter Tscherkassky | Schnitt: Peter Tscherkassky, Eve Heller | Sound: Dirk Schaefer
Review
von Kerstin Peter (kerstin.peter(at)hotmail(dot)com)
Mich interessieren Filme, die neue Sichtweisen ermöglichen. Filme, welche die Welt einmal anders zeigen, als wir sie sehen und kennen. So wie in frühen Zeiten des Films, als dieser noch der Erweiterung der Wahrnehmung diente, so möchte auch ich etwas Neues entdecken. Etwas, das vielleicht bereits da war, aber das ich nicht erkennen oder sehen konnte. Genau das hat dieser Film von Peter Tscherkassky geschafft, ganz nach dem Prinzip „das Auge isst mit“.
Der Film beginnt mit einem Mann, der in einen Rückspiegel schaut, schwarz-weiß, Negativ-Film. Jedes weitere gezeigte Bild scheint eine Attraktion zu sein, um reale Formen in einer anderen Wahrnehmung zu präsentieren. Die Attraktion Film an sich. Tscherkassky verwendet die Negativbilder als eine Art natürlicher Verfremdung der Realität. Das Gezeigte wirkt abstrakt, ist aber immer noch aus demselben Material und bildet dieselbe Realität ab, die wir jeden Tag sehen. Wie ein Skulpturist, der ein Werk kopiert, ohne das Material zu wechseln, ohne das Motiv und die Form zu ändern – und doch sieht man, dass es nicht das Original ist. Es ist, als würde Tscherkassky die Erde auf den Kopf stellen, als würden wir auf dem Himmel gehen und zur Erde hoch schauen. Doch ist der Himmel, auf dem wir nun stehen, immer noch derselbe, zu dem wir zuvor hochgeschaut haben. An seiner Form und seiner Beschaffenheit hat sich nichts geändert, an unserer Perspektive und Wahrnehmung jedoch schon.
Die Umkehrung bedeutet eine andere Position, einen neuen Blickwinkel einzunehmen. Vertrautes wird verfremdet und Abstraktes vertraut. Dies passiert auch nicht nur auf der visuellen Ebene, sondern auch auf der inhaltlichen. Nämlich durch die Anlehnung an das frühe Kino. Und diese Dichotomie versetzt uns in einen Grenzzustand, in dem sich die Realität unserer alltäglichen Wahrnehmung symbiotisch verhält zur verfremdeten Realität. Tscherkassky lässt uns mit der Art seiner Darstellung in diesem Grenzzustand schweben, in dem wir uns nicht entscheiden können, ob wir dem Gezeigten Glauben schenken können. Es ist vielmehr ein „Zwischen“ als ein „Dies“ oder „Das“. Keine der Realitäten schließt die andere aus. Sie sind gleichzeitig in einer Wechselwirkung zueinander hin stehend.
Fragmentierungen und Wiederholungen brechen die Struktur des Films auf. Auch wenn der Film durch Zwischentitel schön strukturiert scheint, zerlegt Tscherkassky ihn in seine Einzelteile und zeigt das Material, dessen Form und auch dessen Zeitlichkeit. Er lässt uns manche Dinge immer wieder sehen – meist hintereinander. Es scheint, als wollte er sie uns immer und immer wieder zeigen, damit wir die Bilder als Wirklichkeit annehmen. Und hat das Auge sich erst an den Negativfilm gewöhnt, sieht man plötzlich nicht mehr das Material, sondern das Gezeigte an sich.
Mit „Coming Attractions“ hat Peter Tscherkassky wirklich eine Attraktion geschaffen. Er hat das Material sichtbar gemacht, uns unserer Illusion, dass dies die Wirklichkeit sei, beraubt und zugleich eine Neue geschaffen. Die zweidimensionale Wirklichkeit auf dem Material „Film“. Er stellt die Welt auf den Kopf, kehrt sie um – und zeigt uns etwas Neues, eine andere Perspektive auf Vertrautes. Das war für mich die „Coming Attraction“.
Der Text entstand im Rahmen der Lehrveranstaltung "Medienübergänge" - Hybride des Animations- und Realfilms unter der Leitung von MMag. Franziska Bruckner im Sommersemester 2011 am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien.
Alle Rechte liegen bei der Autorin.
