Porträt: Chantal Akerman

Text: Barbara Schubert
Mit 15 Jahren sah Chantal Akerman den Film Pierrot le Fou von Jean-Luc Godard. Dieser Impuls habe sie motiviert Filmemacherin zu werden, wird die 1950 geborene Belgierin gemeinhin zitiert. Für vier Monate besuchte Akerman die Filmhochschule in Brüssel (INSAS), erhielt dort nach eigenen Angaben aber keinerlei Anregungen. Im Alter von 18 Jahren drehte sie dann den Kurzfilm Saute Ma Ville und schrieb sich erstmals in die Annalen der Filmgeschichte ein – mit einem explosiven Meisterwerk, das noch immer auf Filmhochschulen gezeigt wird und heute als eines der zentralen (kurzen) Werke des 20. Jahrhunderts gilt.
Akerman realisierte seitdem mehr als 40 dokumentarische, experimentelle und narrative Kurz- und Langfilme, darunter 1972 mit La Chambre einen weiteren Meilenstein der Kurzfilmgeschichte. Erst drei Jahre später sollte die heute in Paris lebende Künstlerin mit Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce, 1080 Bruxelles ihren ersten Langfilm drehen und sich als eine der wichtigsten Autorenfilmerinnen der Gegenwart etablieren. Sie schuf weithin geschätzte Kurzfilme wie J’ai faim j’ai froid (1984) ebenso wie "lange" Publikumserfolge wie Un divan à New York (1996) mit Juliette Binoche oder La Captive (2000) mit Sylvie Testud.
Mit Sicherheit nicht unwesentlich für die filmische Entwicklung war ihr New-York-Aufenthalt Anfang der 70er Jahre, als sich Akerman eingehend mit den Avantgardisten Stan Brakhage, Michael Snow und Jonas Mekas beschäftigte. Sie fühlte sich ermutigt, organische Techniken auszuprobieren, lange Einstellungen zu verwenden und in der Beziehung zwischen der Hauptfigur und dem Raum, in dem sie sich bewegte, ausgiebig mit Licht zu arbeiten. Ihre filmischen Arbeiten sind oft in Echtzeit gedreht und lassen eine intensive Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen Ton und Bild erkennen.
"Plotting is minimal or non-existent in Akerman films", schrieb Lillian Schiff in ihrer Rückschau auf Akermans Werk, das jüngst mit einer dokumentarischen Episode für den Kollektivfilm O Estado do Mundo eine Ergänzung erfuhr. Während Akermans Filme im französischsprachigen und angelsächsischen Raum breite Anerkennung (auch im theoretischen Bereich) erfuhren, ist im deutschsprachigen Raum weiterhin wenig bis gar nichts über die Filmemacherin erhältlich. Und das, obwohl nicht zuletzt ihre kurzen Arbeiten – einige von ihnen verschollen, andere schwer bis gar nicht erhältlich – zum Besten zählen, was in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf Zelluloid gebannt wurde.
