6.6. - 10.6.2012

Interview: Norbert Pfaffenbichler / Lotte Schreiber

Das Gespräch mit Norbert Pfaffenbichler und Lotte Schreiber wurde von Daniel Ebner (VIS) anlässlich des Tribute to Pfaffenbichler / Schreiber bei VIS Vienna Independent Shorts 2009 geführt.

 

VIS: Euch ist heuer unser nationales Tribute gewidmet. Vielleicht könnt ihr eure Herangehensweise ein bisschen erklären? Wir haben euch dezidiert ausgewählt, weil ihr manches als Duo realisiert, aber auch alleine arbeitet. Wie ist eure Arbeitsweise, wenn ihr gemeinsam arbeitet?

Schreiber: Eigentlich ist es so, dass nur die erste Arbeit, 36, durch unsere gemeinsame Initiative entstanden ist, mit dem wirklichen Plan, dann ein gemeinsames Produkt zu liefern. Die beiden anderen gemeinsamen Arbeiten haben wir jeweils auf Einladung gemacht, da wurden wir angesprochen, zu zweit eine Arbeit zu einem bestimmten Thema zu machen. Seit a1b2c3, das war 2004, sind wir nur mehr individuell tätig, wobei wir natürlich gegenseitig unsere Meinungen einholen.

VIS: Bei den gemeinsamen Arbeiten, auch wenn ihr eingeladen worden seid, ist es so, dass diskutiert wird? Oder gibt es jemanden, der sagt, das und das ist mein Plan, was hältst du davon?

Schreiber:
Sowohl als auch. Das war bei allen drei Arbeiten ganz unterschiedlich. In einem Fall hat einer begonnen mit einer Idee und ist dann damit zum anderen gegangen, das hat man dann diskutiert und gemeinsam ausgearbeitet. Und es passiert dann tatsächlich auch in der Umsetzung so, dass einer den einen Teil der Arbeit, die Fingerarbeit, übernimmt, und der andere den anderen Teil. Am Schluss wird das dann zusammengefügt. Bei piano phase war es so, dass schon die Idee im gemeinsamen Gespräch entstanden ist. Man kann das also nicht auf eine Methode festmachen. Und wie gesagt, es ist schon lange her, dass wir unsere letzte gemeinsame Arbeit gemacht haben, das kann man eigentlich schon als Vergangenheit bezeichnen.

VIS: War das eine bewusste Entscheidung, nicht mehr gemeinsam zu arbeiten?


Pfaffenbichler: Naja, es gibt andere Projekte, Kunstprojekte etwa, wo wir nach wie vor zusammenarbeiten. Aber bei einem Film ist das relativ schwierig, mit der kollaborativen Autorenschaft.

VIS: Euer Kunstkontext ist ein gutes Stichwort, ihr macht sehr experimentelle Filme. Wo werdet ihr eigentlich stärker wahrgenommen, im filmischen Kontext oder im Kunstkontext?

Pfaffenbichler:
Auf jeden Fall im filmischen Kontext.

Schreiber: Was nicht heißt, dass wir uns das nicht manchmal wünschen würden, in beiden Kontexten gleichermaßen vertreten zu sein. Wir haben die Möglichkeit bekommen, kommenden Herbst gemeinsam eine Ausstellung zu österreichischem Experimentalfilm zu kuratieren, wo wir auch selbst vertreten sind. Das freut uns natürlich sehr, aber wie Norbert schon gesagt hat, sind wir sicher im Film präsenter, im Festivalkontext.

VIS: Vielen jungen Leuten, die Experimentalfilm machen, wird eingeschärft, sie sollen sich stärker am Kunstkontext orientieren, weil dort mehr Geld vorhanden ist. Ärgert man sich da, wenn man eher im Film verankert ist? Es gibt ja recht wenige, die diesen Brückenschlag wirklich schaffen, Josef Dabernig wäre vielleicht ein Beispiel.


Pfaffenbichler:
Man kann sich ja oft gar nicht aussuchen, wie die eigene Arbeit rezipiert wird. Man macht halt seine Arbeit und dann macht die ihre Wege. Aber ich gebe auch den Tipp, es lieber im Kunstbereich zu versuchen, weil man da Geld verdienen kann. Das kann man im Experimentalfilmbereich halt gar nicht. Wir machen ab und zu Installationen, räumliche Arbeiten. Das würden wir gern öfter machen, aber das ist nur im Ausstellungskontext möglich.

VIS: Das ist aber eigentlich auch eine Absage an die Festivalszene...

Pfaffenbichler: Man fühlt sich natürlich geehrt, wenn der Film bei Festivals läuft. Aber wir sind nicht mehr die Jüngsten, da ist schon auch ein ökonomischer Druck. Und es ist unmöglich, von Experimentalfilm zu leben. Alle, die in diesem Sektor tätig sind, haben auch Brotberufe, und das Filmemachen wird dann zum Hobby, an den Wochenenden, an den freien Tagen oder nebenbei.

VIS: Das heißt, auch mit Preisgeldern auf Festivals kann nicht gerechnet werden?

Schreiber: Ich habe einmal mit quadro den Preis für den besten Experimentalfilm am New York Underground Film Festival gewonnen, das war ein reiner Ehrenpreis, ich habe keinen Cent daran verdient. Und bei einem anderen Preis habe ich ein paar Hundert Euro bekommen, also lächerlich. Das einzige, wovon man leben könnte, wären Fernsehverkäufe, und davon hatte ich bis jetzt in meiner gesamten Karriere einen einzigen. Mit dem Format Experimentalfilm spricht man das Fernsehen einfach überhaupt nicht an. Das ist schon ein Dilemma.

VIS: Es ist vor allem ein Dilemma, wenn man sieht, wie stark österreichische Experimentalfilme international auf diversen Festivals vertreten sind. Fehlt euch eigentlich ein Experimentalfilmfestival in Österreich?

Pfaffenbichler: Auf alle Fälle. Da gab es ja schon einige Initiativen, wo wir auch beteiligt waren, wo versucht wurde, Förderungen für so ein Festival zu bekommen. Das ist uns nicht gelungen. Das wäre aber dringend nötig, denn in diesem Sektor gibt es nichts in ganz Österreich.

VIS: Könntet ihr euch vorstellen, dass das zum Beispiel im Rahmen von VIS klappen könnte? Die experimentelle Schiene zu stärken und ein bisschen autarker zu gestalten und das Ganze in einen größeren Festivalrahmen einzubetten?

Schreiber: Ja, na klar. Auf der Diagonale passiert das ja so.

Pfaffenbichler: Ja, die österreichischen Experimentalfilme sieht man schon bei einigen Gelegenheiten. Aber was man hier nie zu sehen bekommt, sind die internationalen Produktionen. Es würde natürlich die heimische Szene auch aufwerten, wenn man sie im internationalen Vergleich sieht. Das fehlt auf jeden Fall, aber ihr leistet da Pionierarbeit.

VIS: Wie muss denn ein Festival für euch aussehen, um als ideale Plattform für Filmemacherinnen und Filmemacher dienen zu können?

Pfaffenbichler: Wichtig ist auf jeden Fall die richtige Präsentation, das ist bei vielen Festivals ein Schwachpunkt. Also, dass das Format stimmt, dass die technischen Parameter passen. Aber bei Festivals ist natürlich auch der Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen, das Kommunikative, ganz wichtig. Mindestens genauso wichtig wie die Präsentation selbst ist das, was rundherum passiert. Da sollten Festivals nicht sparen, dass es Orte gibt, an denen man sich leicht treffen kann. Und die diskursive Ebene ist auch essentiell, dass Filme nicht nur gezeigt, sondern auch auf entsprechendem Niveau diskutiert werden. Das alles macht ein Festival aus.

VIS: Wie steht ihr eigentlich zum narrativen Kurzfilm?


Schreiber: Mich persönlich interessiert im Film Narration nicht vordergründig. Mich interessiert das Hinterfragen dieser festgefahrenen Grammatik des Films. Deswegen mache ich auch keine narrativen Filme. Ich sehe sie mir ab und zu ganz gern an, aber in der Produktion sehe ich mich ganz weit weg davon. In Österreich sind Filmhochschulen die einzigen Orte, wo solche Formate entstehen. Da merkt man sehr oft die Abarbeitung irgendwelcher vorgegebenen Aufgabenstellungen. Es ist selten, dass man ein „Wollen“ in eine bestimmte Richtung entdecken kann. Aber das ist eigentlich klar, es sind ja auch Lehrstücke. Das ist vielleicht das andere Problem am Kurzfilm, dass er sehr oft nur als Lehrstück angesehen wird, um den Beweis anzutreten, dass man auch ein Langformat produzieren könnte. Dabei ist es ja ein eigenes Genre, das nicht nur als der kleine Bruder vom Feature Film gesehen werden sollte.

Pfaffenbichler: Ich würde überhaupt die Opposition experimentell / narrativ in Frage stellen, es gibt durchaus auch narrative experimentelle Formate. Mich interessiert Narration schon, aber es kommt immer darauf an, wie man sie einsetzt. Man kann ja auch mit der Erzählung experimentieren. Ich finde es zum Beispiel spannend, mir frühes Kino anzuschauen. Da wurden die Regeln erst entwickelt, die heute wie in Stein gemeißelt scheinen. Es ist spannend, sich diese Entwicklung anzuschauen und welche Abzweigungen es da gegeben hat. Das kann man dann auch für die eigene Arbeit benutzen.

VIS: Geht ihr eigentlich gern ins Kino? Und wenn ihr ins Kino geht, was schaut ihr euch an? Mit welchem Blick schaut ihr zum Beispiel klassische Hollywoodfilme an?

Schreiber: Wir gehen sehr gern, so oft es halt geht, wenn man ein Kind hat.

Pfaffenbichler: Der letzte Film, den ich gesehen habe, war Star Trek. Ich sehe mir also sehr gern auch kommerzielle Produktionen an.