Tribute to Norbert Pfaffenbichler / Lotte Schreiber
Termin: Di 19.5.2009, 19:00
Ort: Top Kino [Info]
Filmvorführung mit Publikumsgespräch mit Norbert Pfaffenbichler und Lotte Schreiber.
Seit fast zehn Jahren arbeiten die beiden Künstler Norbert Pfaffenbichler und Lotte Schreiber zusammen. Neben zahlreichen Ausstellungsprojekten und mehreren kuratorischen Tätigkeiten werden auch drei ihrer Filme als gemeinsame Arbeiten ausgewiesen. An den wunderbar abstrakten Miniaturen 36, piano phase und a1b2c3 fällt zu allererst die strukturelle Herangehensweise auf, der Hang zu mathematischem Minimalismus und die Vorliebe für klare Formen und Linien.
Dieser Vorliebe frönen Pfaffenbichler und Schreiber in gewissem Maß auch in jenen Filmen, die ohne den jeweils anderen entstanden sind: der Zugang wird zwar narrativer und die Stile unterscheiden sich erheblich voneinander, der meist sehr exakte Formwillen und die bis ins Detail durchdachte, sehr analytische Herangehensweise sind aber auch hier deutlich erkennbar.
Während Pfaffenbichler, der visuelle Mediengestaltung an der Universität für angewandte Kunst in Wien studiert hat, sich in seiner singulären Arbeit vor allem metrisch am narrativen Kino abarbeitet (Mosaik Mécanique), beschäftigt sich Schreiber, die in Graz, Edinburgh und Neapel Architektur studiert hat, mit architektonischen (quadro) und landschaftlichen (I.E. [site 01-isole eolie]) Räumen, zumeist mit statischer Kamera und streng kadriert. Nie unbeeinflusst vom jeweils anderen lassen sich im Werk des Künstler-Duos somit drei unterschiedliche Arbeitsweisen herauslesen. Und gleichzeitig können Grundzüge der Arbeit im Duo mittelbar auf der Leinwand nachvollzogen werden.
> Bio/Filmografie von Norbert Pfaffenbichler in der VIS Artists Database
> Bio/Filmografie von Lotte Schreiber in der VIS Artists Database
> Interview mit Pfaffenbichler / Schreiber, geführt von Daniel Ebner (VIS)
FILMPROGRAMM im ÜBERBLICK
36, 2001, 2 min, Norbert Pfaffenbichler, Lotte Schreiber
piano phase, 2004, 18 min, Norbert Pfaffenbichler, Lotte Schreiber
a1b2c3, 2006, 5 min, Norbert Pfaffenbichler, Lotte Schreiber
Gesprächspause
quadro, 2002, 10 min, Lotte Schreiber
I.E., 2004, 8 min, Lotte Schreiber
Mosaik Mécanique, 2007, 9,5 min, Norbert Pfaffenbichler
FILMPROGRAMM im DETAIL
36

Österreich 2001, 2 min, Sprache: ohne Dialog
Regie: Norbert Pfaffenbichler, Lotte Schreiber | Sound: Stefan Németh
36 verweist sowohl auf ästhetische Traditionen der abstrakten Malerei als auch auf strukturelle Ansätze des frühen geometrischen Films (etwa eines Walther Ruttmann oder Hans Richter). Zugleich eröffnen sich Assoziationen an frühe Videospiele mit ihren reduzierten, nur den Hauptachsen folgenden Bewegungsmöglichkeiten. Beim Betrachten von 36 entwickelt sich eine unglaubliche Spannung und Konzentration, die nicht zuletzt in der Klarheit des Konzepts und der Reduktion der Mittel begründet liegt. (Gerald Weber)
piano phase

Österreich 2004, 18 min, Sprache: ohne Dialog
Regie: Norbert Pfaffenbichler, Lotte Schreiber | Musik: Steve Reich
Diverse MedienkünstlerInnen wurden von der ars electronica eingeladen für die DVD-Kompilation images 4 music minimalistische Kompositionen der 1960er Jahre zu visualisieren. Das Video ist eine exakte Übersetzung der Komposition von Steve Reich in Bildfolgen. In piano phase spielen zwei Klaviere jeweils dasselbe musikalische Thema leicht zeitversetzt, wodurch sich gewollte Phasenverschiebungen ergeben. Analog zu diesem Kompositionsverfahren laufen auf zwei nebeneinander gesetzten Bildflächen Filmloops in dynamisch unterschiedlichen Geschwindigkeiten synchron zur Musik ab. Die Anzahl der Filmschleifen entspricht der Anzahl der im Musikstück verwendeten Töne, wobei die schwarzweißen Filmsequenzen mit monochromen, primärfarbenen Flächen durchsetzt sind. Als Ausgangsmaterial dienten in Rom auf Super-8-Film gedrehte Aufnahmen von Vogelschwärmen. Diese Aufnahmen der bizarren, sich selbst organisierende Flugformationen wurden in wenige Sekunden dauerende Fragmente zerteilt. In dieser dialektischen Studie werden Phänomene wie „Chaos und Ordnung“ und „Differenz und Wiederholung“ thematisiert. (Norbert Pfaffenbichler, Lotte Schreiber)
a1b2c3

Österreich 2006, 5 min, Sprache: ohne Dialog
Regie, Konzept: Norbert Pfaffenbichler, Lotte Schreiber | Produktion: Medienturm Graz | Musik: Bernhard Lang
Die Arbeit beruht auf der Idee ein Video mit einem Minimum an Parametern zu gestalten. Ein regelmäßiges weißes Raster auf blauem Grund strukturiert die Bildfläche. Dieses bewegt sich in vier unterschiedlichen Geschwindigkeiten orthogonal nach links, rechts, oben und unten. Sämtliche Parameter der audiovisuellen Komposition beruhen auf den Relationen des Bildschirmformats von Digitalvideo: 720 x 576. Diese Zahlen bzw. Vielfache oder Teiler derselben definieren Geschwindigkeit und Länge der Animation. Der von Bernhard Lang komponierte Soundtrack folgt derselben Logik: die Frequenzen eines synthetisch generierten Rechtecksounds wurden anhand der gegebenen Zahlenwerte moduliert. (Norbert Pfaffenbichler, Lotte Schreiber)
quadro

Österreich 2002, 10 min, Sprache: ohne Dialog
Regie: Lotte Schreiber | Produktion: VIDOK | Kamera: Lotte Schreiber, Dariusz Kowalski, Norbert Pfaffenbichler | Musik: Stefan Németh
Das Video quadro (ital.: Viereck, Bild, Kader) ist das filmische Portrait eines monumentalen 60er-Jahre-Wohnblocks in der italienischen Küstenstadt Triest. Wie eine Ritterburg schwebt dieses imposante Gebäude mit quadratischem Grundriss auf einem Hügel über der Stadt. In diesem strukturalistischen Bauwerk sind die sozialutopischen Ideen dieser Epoche als kühne, maßstabslose Betonkonstruktion ausformuliert. Dieses Video ist keine Architekturdokumentation im üblichen Sinn. Es entstand allein aufgrund der subjektiven Faszination der Filmemacherin an der gebauten Manifestation einer radikalen gestalterischen Idee und einer gescheiterten sozialen Utopie. (Norbert Pfaffenbichler)
I. E.

Österreich 2004, 8 min, Sprache: ohne Dialog
Regie, Produktion, Schnitt: Lotte Schreiber | Musik: Stefan Németh
Kurz taucht der Stromboli auf, wie von einem Blitz aus der Dunkelheit gehoben, in der er wieder verschwindet. Dann nähern wir uns den Äolischen Inseln, in deren filmischem Abbild Bewegung und Stillstand, die Materialität von Super8 und Video aufeinanderprallen. In dem Raum, der durch diese Vermessung mit der Kamera entsteht, wird die Landschaft als subjektive sinnliche Erfahrung, aber auch als ästhetischer Gegenstand der Abbildung untersucht. (Barbara Pichler)
MOSAIK MÉCANIQUE

Österreich 2007, 10 min, Sprache: ohne Dialog
Regie, Konzept: Norbert Pfaffenbichler | Musik: Bernhard Lang
Das Publikum ist nun nicht nur mit der unmittelbaren Visualität konfrontiert, es ist hin- und hergerissen zwischen analytischem Schauen – rhythmische Muster oder motivische Spiegelungen werden plötzlich sichtbar – und dem Versuch, Handlung zu (re)konstruieren. Bild und Ton – von Bernhard Lang analog zu den Einstellungsloops komponiert – von MOSAIK MÉCANIQUE fordern eine ununterbrochene Aufmerksamkeitsleistung. Das Mosaik ist ein Kaleidoskop oder ein Kristall, der zeitliche und räumliche Ebenen ebenso kurzschließt wie unterschiedliche Medien und deren Historizität. (Claudia Slanar)


